Augenmass gefordert

Prof. Hans Peter Wehrli

, 02.11.07

Prof. H.P. Wehrli. (Bild: PD)

Das Ziel des Studiums sei Bildung, nicht Ausbildung. Sagt Wirtschaftsprofessor und Dekan Hans Peter Wehrli.

Bologna verändert die Bildungslandschaft und die Karrierenpfade. Wer bislang Karriere machen wollte, studierte Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften, promovierte wenn möglich oder führte, sei es Erst- oder Zweittitel, einen Studienabschluss «ETH». Mit den neu strukturierten Studienangeboten «Bachelor» und «Master» ist diese scheinbare Erfolgslinie offener geworden. Das Masterstudium muss thematisch nicht dem Bachelorstudium folgen und kann, unabhängig von Mobilitätsprogrammen, an anderen Bildungsstätten erworben werden. Dazu entstehen neue Märkte: Neben den etablierten Universitäten bieten zahlreiche Organisationen Masterprogramme an, entwickeln sich zu möglichen Trittbrettfahrern und erschweren eine stimmige Studienselektion. Deshalb werden die Akkreditierungen und Rankings als Selektionskriterien für die Erst- und die Zusatzausbildung immer wesentlicher. Und die Universität bleibt bedeutsam: Sie ist der Schmelzpunkt unterschiedlicher Kulturen und Wissensbestände, sie ist eine tragende Basis für vielschichtige Beziehungsnetze und deren Gestaltung (Networking).
Die Globalisierung, eine Kraft vielschichtiger Veränderungen, prägt auch verstärkt die Bildungs- und Arbeitswelt. Junge Menschen stehen im internationalen Stellen- und Karrierenwettbewerb, ein Wettbewerb zwischen Individuen, aber auch zwischen Bildungssystemen und Abschlüssen unterschiedlichster Ausprägungen.

Master sollte angestrebt werden

Der Bachelorabschluss wird, obwohl weder Bildungs- noch Arbeitswelt Erfahrung mit ihm hat, bereits kritisiert als zu verschult und zu sehr auf die spätere Berufstätigkeit orientiert, sozusagen ein Fachhochschulabschluss «für die Praxis ohne Praktiker.» Doch der Bachelor ist ein akademisches Studium, meist mit gemeinsamen Lehrbereichen in der Assessmentstufe, und einer ersten Spezialisierung in den Folgesemestern. Er ist die tragende Voraussetzung für ein Masterstudium, das, so bin ich überzeugt, auf jeden Fall angestrebt werden sollte, sei es direkt anschliessend oder nach einem beruflichen Unterbruch. Das Ziel des Studiums ist Bildung, nicht Ausbildung.

Den Umgang mit Risiken lernen

Ein gesundes Augenmass bleibt das A und O eines erfolgreichen Studienabschlusses und seiner Umsetzung in die persönliche Karriere. Jedoch: Junge Menschen beweisen heute eine (zu) hohe Anpassungsfähigkeit zwecks Risikovermeidung des eigenen Lebenslaufes. Dies oft ohne Grund. Die Startbedingungen für die Wirtschaftspraxis sind derzeit unvergleichlich gut, Nachwuchstalente werden gesucht, Internetplattformen, beispielsweise «go4talents» unterstützen Anbieter und Nachfrager. Das Studium ist eine einmalige Chance, die individuelle Risikovermeidung abzuschütteln, den Umgang mit Risiken zu lernen, aber auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Fähigkeiten Dritter aufzubauen und zu stärken. Risiken sind keine Ausnahmesituationen, sondern der unternehmerische Alltag,
Das Studium des Kernfaches, zusätzliche Studien in fächerübergreifenden Themen und die vielfältigen nicht-universitären Möglichkeiten (Kulturengagements, Praktikum, Sport u.a.) zeigen Wege für Teamarbeit, Kommunikations- und Sozialkompetenz. Insbesondere ein Auslandspraktikum oder -studium macht sich gut im Lebenslauf und gibt Selbstbewusstsein. Sollte man die Selbständigkeit wählen, so braucht man, neben Talent, dieses Bewusstsein und noch mehr Gespür und Neugierde.
Zusammenfassend: Ein erfolgreiches Studium ist ein wesentlicher Schritt zu einem stimmigen Berufsleben und eröffnet vielfältige Möglichkeiten. Nutzen Sie diese Chancen mit Leidenschaft und behalten Sie ein gesundes Augenmass.

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