Brief aus Wien
Devastations, 2007.
Mannmann, jetzt will die schon wieder einen Caipirinha. Na gut, ist ja sonst nicht viel los. Nur meine Hände kleben danach immer so. «Tschuldigung?» – was will sie denn noch? «Tschuldigung? Du-u?» – «Ja bitte?» Wie der Limettensaft wieder spritzt! Und jetzt den Cachaça. «Ja bitte?» – «…» Jetzt will sie nicht mehr reden, jetzt hat sie der Mut verlassen. «Ich hab mich nur gefragt, ob du vielleicht schwul bist.» Auffüllen mit Eis – und den Strohhalm nicht vergessen. Was hat sie gesagt? Der Job ist echt nicht gesund. Die Musik ist gut – aber zu laut. Der Vodka ist zu stark – aber gut. Das Handy zeigt 03.45. Vor 8 Uhr bin ich bestimmt nicht zu Hause – dann ists auch schon wieder taghell…wenn ich aufstehe, ist es bestimmt wieder dunkel… «5 Euro und 50 bitte – Wieso schwul?» – «Naja, dein Band da am Handgelenk, das deutet an, dass du passiv und schwul bist.» Wie jetzt? Hab ich vom kulturellen Zeichensystem hier in Wien was nicht mitgekriegt? Jaja, ich bin im Osten, zumindest haben das Bidu und Flo gleich am Bahnhof gecheckt. Die Strassen jedoch sind geteert und es gleiten Sterne und Ringe im Wert von mehreren hunderttausend Euro drüber. Kulturelle Unterschiede? Ja, schon: Vor 100 Jahren war Wien halt die Kapitale einer Weltmacht – die mussten schon unten durch... Und dann hat man die Identität aufgegeben, ist deutsch geworden. Und dann war man gar nichts mehr. Besetzt? Befreit? Und niemand hat sie mehr ernst genommen.
Die Zeit heilt doch Wunden, das dritte Reich existiert schon länger nicht mehr – ist es nicht chic, schwul zu sein? Müssen sie sich verstecken? Nur durch ein Accessoire gekennzeichnet? Accessoire, das ist es! «Mein Lederarmband? Das ist doch bloss ein Accessoire.» Ha! Wie ich das gesagt habe: ein Accessoire. Lächeln Junge, lächeln! «In Zürich tragen das alle» …nicht! Nicht outen als Mitläufer…«Also alle, ich mein: auch nicht Homosexuelle» Lächelt sie? Sie grinst… «Willst du tanzen?»
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