Sorgenbox
Historische Persönlichkeiten äussern sich zu Studiums-Sorgen. Dieses Mal: Johann W. von Goethe.
Lieber Johann Wolfgang,
ich bin nun schon so lange hoffnungslos in meine Mitstudentin verliebt, schaffe es aber nicht, ihr das endlich zu sagen. Ich glaube ausserdem, dass sie schon einen Freund hat. Was soll ich tun?
Holder Freund, wie vertraut einem Menschenherz doch dies allermenschlichstes der Leiden erscheint! Es ist doch gewiss, dass den Menschen in der Welt nichts notwendig macht als die Liebe. Aber dies’ Gefühl in die engen Grenzen der Worte sperren? Nein, wer wahrhaft geliebt, der weiss, dass niemals irgendein nicht’ger Satz dieser intimsten Regung gerecht werden soll. Vielmehr ist es doch, dass die Verbindung zwischen jenem Himmelsgeschöpf und Ihnen, mein Freund, nur und immer zu gefühlt und geahnt zu werden vermag. Drum, ach, lassen Sie die Bedenken fallen und ergreifen Sie ein jegliches Wort! In den nichtigsten aller Augenblicke wird sich ihr die unheimliche und ersehnte Verbindung offenbaren! Und dies’ weibliche Herz wird überströmen von dem heil’gsten aller Gefühle, genauso wie es das Ihrige tut. Und, ach, eine solch unantastbare Zuneigung erhebt sich über die realen Umstände. Sei’s drum, dann glaubt sich irgendein armer Jüngling in ihrer Liebe gewiegt. Mitnichten, oh nein, gar schrecklich vorzustellen, dass diese Notwendigkeit des Lebens auch nur annähernd ihre erhabene, gar jenseitige Liebe berühren könnte. Lassen Sie das Leben diesseitig sein und retten Sie sich in die wahre Welt der Träume! Denn nichts zerstört ein reines Herz so erbarmungslos wie das Fügen in die Gesellschaft, das Anpassen an die Erfordernisse. Nein, widerstehen Sie, mein Freund, bleiben Sie Kind und lieben Sie blind!
J. W. von Goethe, *1749 in Frankfurt am Main - †1832 Weimar, war deutscher Dichter und gehört zu den wichtigsten Vertreter der Weimarer Klassik.
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