Wo die Literatur spielt

Von Alicia Solis, 10. März 2008

Sie sind ein ungleiches Duo: Ein Kartograf und eine Literaturwissenschaftlerin erforschen gemeinsam literarische Schauplätze Europas.

  • Die interaktiven Karten des Literaturatlas zeigen u.a., wie Handlungsspielräume von Romanen wandern. (Bild: Reproduziert mit Bewilligung von swisstopo (BA071660))

Barbara Piatti und Lorenz Hurni, Leiter des Projekts «Ein literarischer Atlas Europas», beschreiten neue Wege mit einem interdisziplinären Fach: Literaturgeografie. Piatti studierte in Basel Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie und untersuchte schon im Rahmen ihrer Doktorarbeit Möglichkeiten, literarische Handlungsräume geografisch zu erfassen. Dass die Mittel der Literaturwissenschaft allein für ihr Vorhaben nicht ausreichten, merkte sie rasch: «Mir war klar, dass ich, um meine Ideen tatsächlich umsetzen zu können, ein Team, bestehend aus Literaturwissenschaftlern und Kartografen, brauchen würde», erklärt sie. Lorenz Hurni, Professor und Leiter des Instituts für Kartografie an der ETH, hatte mit Literatur eigentlich nicht viel am Hut: «Nach der Mittelschule war ich literaturgeschädigt», meint er gar. Er studierte Geomatik an der ETH und leitete die Redaktion des mehrfach preisgekrönten «Schweizer Atlas». Umso erstaunlicher, dass er von Piattis Idee sofort angetan war. «Uns ist es im Grunde genommen egal, was wir darstellen auf Karten, solange es ein interessantes Thema ist», meint er. Trotz der grundliegenden Widersprüchlichkeit der beiden Wissenschaften – während Kartografie präzise Daten benötigt, beharrt Literaturwissenschaft gerade auf der Mehrdeutigkeit von Texten – hat sich eine äusserst kreative und produktive Zusammenarbeit ergeben, die Piatti «einen wahren Glücksfall» nennt.
Mittlerweile ist das Projekt seit über einem Jahr in vollem Gang und es haben sich zwei weitere Universitäten aus Deutschland und Tschechien angeschlossen. Insgesamt arbeiten nun neun Leute am Atlas. Die Arbeit erfolgt in einem mehrstufigen Arbeitsprozess, wie Piatti erläutert: Als Erstes lesen die Literaturwissenschaftler Texte, werten sie nach literaturgeografischen Kriterien aus und geben die Ergebnisse in eine Datenbank ein. Aus den darin abgelegten Informationen können dann literaturgeografische Karten generiert werden, die schliesslich von den Literaturhistorikern interpretiert werden: Weshalb ist beispielsweise das Gebiet Rütli und Küssnacht nicht mehr attraktiv für Literaten? Oder: Weshalb ist der Raum Berlin vornehmlich realistisch geschildert, während ein anderer sich für Transformationen anzubieten scheint?

Pionierarbeit?

Literaturgeografie ist nichts Neues, im Gegenteil: ihre Tradition ist hundertjährig, schon 1907 gab es einen ersten literarischen Atlanten, dem später weitere folgten. «Doch sie alle lassen sich der der Kategorie der ‹illustrierenden Kartenwerke› zuordnen», erklärt Piatti, «sie zeigen nichts, was nicht auch in einem Text gesagt werden könnte, sie sind gewissermassen schmückendes Beiwerk. Was wir anstreben ist eine ‹analysierende› Literaturgeografie, unsere Karten sind Interpretationswerkzeuge.»
Piatti sieht von den methodischen und technischen Voraussetzungen erst jetzt den idealen Zeitpunkt für Vorhaben gekommen. Fragen wie «Wann werden welche Regionen und Städte literarisiert» oder «Wo liegen die Ballungszentren der Literatur» zu beantworten, ist erst durch die Möglichkeiten der interaktiven Kartografie denkbar geworden. Das Projekt stellt hohe Ansprüche an die genauen Abstufungen bei der Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion. Es wird unterschieden zwischen authentischen und in der Literatur veränderten, fiktiven Handlungsspielräumen. «Orte der Literatur sind niemals identisch mit unserer ‹Realität›, es wäre naiv und längst überholt, etwas anderes anzunehmen», erklärt Piatti. Genau in dieser Unmöglichkeit, fiktive Schauplätze eins zu eins auf eine geografische Karte übertragen zu können, sieht Hurni die Herausforderung für sein Fach: «Gerade die Frage, wie man in der Literatur veränderte Schauplätze mit unterschiedlichen Abstraktionsgraden kartografisch darstellen kann, macht das Ganze für uns so spannend», so der Kartograf.
Vorläufiges Endziel des Projektes, das noch bis 2009 läuft, ist vorerst ein Prototyp mit den drei Modellregionen Gotthard/Vierwaldstättersee, der Westküste Schleswig-Holsteins und Prag, der einem breiteren Forschungsfeld zur Verfügung gestellt werden soll. Dieser besteht aus einer Online-Datenbank, die über eine Suchmaske abgefragt werden kann und die Suchergebnisse in Form einer interaktiven Karte liefert. Abfragen könnte man beispielsweise die fiktionale Geografie eines einzelnen Autors, einer literarischen Epoche oder Gattung. Man könnte herausfinden, welche Gegenden Europas in Romanen des 19. Jahrhunderts besonders oft als Schauplatz dienten und die Ergebnisse dann als Ausgangspunkt für eine literaturgeschichtliche Analyse, die vom Ort der Handlung ausgeht, nehmen. Hurni und Piatti können sich jedoch durchaus vorstellen, das Endprodukt auch einem breiteren Publikum anzubieten, Interesse bestünde auf jeden Fall schon jetzt. Ob dies in Form eines Bildbandes, einer CD-ROM oder als Web-Karte am geeignetsten wäre, werde sich erst noch zeigen, so Hurni.

Prüfstein für das Projekt

Vom 4. bis 7. Oktober fand an der Universität Göttingen eine erste Tagung statt, an der Experten aus Kartografie und Literaturwissenschaft sich über Ziele und Möglichkeiten von Literaturgeografie austauschten. Hurni nennt die Tagung, an der neben europäischen Wissenschaftlern auch australische und US-amerikanische teilnahmen, den «ersten Prüfstein für das Projekt». Dieser scheint überwunden und Piatti zieht eine positive Billanz: «Die Diskussionen waren sehr konstruktiv und es hat sich einmal mehr gezeigt, dass ein Projekt wie ‹Ein literarischer Atlas Europas› einen interdisziplinären, internationalen Rahmen braucht, in dem ein ständiger Gedankenaustausch gepflegt werden kann.»Finanzierung: Das Projekt wird während einer Laufzeit von drei Jahren durch die Gebert Rüf-Stiftung, Basel, finanziert.Homepage: LiteraturatlasPublikation: Barbara Piattis Grund-lagen-Studie «Schauplätze, Handlungsräume, Raumfantasien. Ideen zu einer Geographie der Literatur» erscheint im Sommer 2008 im Wallstein Verlag, Göttingen.

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