Vorlesung «on demand»

Von Mirjam Sidler und Florence Fankhauser, 08. März 2008

Zuhause in der Badewanne die neuesten Ergüsse des Physikprofessors geniessen? Am ETH-Wissen teilhaben ohne jemals einen Fuss in die heiligen Hallen gesetzt zu haben? Das ist bald möglich.

  • Vollautomatische Vorlesungsaufzeichnung. (Illustration: Nicola Condoleo)

Replay. So nennt sich ein Projekt, welches Vorlesungen in naher Zukunft vollautomatisch in Bild und Ton aufnehmen, bearbeiten und ins Internet stellen wird. Damit zeigt die ETH – einmal mehr – innovativ, wohin die Zukunft führen kann. Replay wird von den Multimedia-Services betreut, der neuen Abteilung der ETH-Informatikdienste. Es ermöglicht den Traum eines jeden Studenten: Vorlesungen bequem zu Hause per Mausklick reinziehen. Armin Brunner, Leiter der ID Multimedia-Services, relativiert jedoch: «Die ETH ist und bleibt eine Präsenzuniversität. Replay ist in erster Linie für Leute konzipiert, die physisch nicht anwesend sein können, sei es wegen Krankheit, einem Austauschsemester oder anderen Gründen.»

Daten langfristig nutzbar machen

Die ETH liege im internationalen Vergleich mit anderen Top-Universitäten wie Berkeley oder Stanford im multimedialen Bereich um fünf bis zehn Jahre zurück. Dort werden bereits heute 100 bis 150 Vorlesungen pro Woche aufgezeichnet. Um dieselben multimedialen Standards zu erreichen, wurde Replay ins Leben gerufen. Im Gegensatz zu den bereits existierenden Systemen, möchte Brunner mit dem ETH-Projekt einiges anders machen, da er den Umgang der amerikanischen Hochschulen mit ihren Dateien im Bereich der Archivierung suboptimal findet. Das Medienarchiv von Replay soll langfristig funktionieren und auch in 30 Jahren noch nutzbar sein.
Heute werden an der ETH erst acht Vorlesungen pro Woche aufgezeichnet. Doch da sich das System durch seine Skalierbarkeit auszeichne, seien die Grenzen nach oben offen – bis im Jahr 2010 seien 150 Aufzeichnungen pro Woche geplant, so Brunner. Dieses ehrgeizige Ziel könne jedoch nur erreicht werden, wenn bis dato die ganze Medienverarbeitung automatisch ablaufe.

Digitaler Schlagwort-Katalog

Dafür wird «Playmobil» sorgen: Dieses Informatikerspielzeug regelt die Aufnahme einer Vorlesung. Das Programm speist die Veranstaltung in Replay ein, welches seinerseits die Daten verarbeitet. Die Vorlesung wird in einzelne Sequenzen aufgeteilt, nach denen man per Schlagwort effizient suchen kann.
Ein weiterer Punkt ist die angestrebte Zitierbarkeit der im Internet veröffentlichten Dateien und die Frage nach deren Zugänglichkeit. Brunner meint dazu: «Die ganze Welt soll Zugriff haben!» Zudem habe die Öffentlichkeit ein Recht zu erfahren, was die ETH mit ihren Steuergeldern anstelle. Es sei ihm jedoch bewusst, dass gewisse Bereiche nach einem restriktiveren Zugang verlangen.
Professoren werden nicht zur Teilnahme am Projekt gezwungen. «Replay funktioniert auf freiwilliger Basis, doch die Nachfrage der Studis wird die Professorenschaft vollständig überzeugen», vermutet Brunner.  Alles in allem stellt das Projekt sicherlich eine Bereicherung des Lehrangebots der ETH dar und stösst bereits jetzt auf reges Interesse anderer Unis und privaten Organisationen.

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