Karla

Von Jan Strobel, 17. März 2008

Jens Lien, 2006.

Das Laub roch gut. Es roch nach Erde, Feuchtigkeit, nach Leben. Das gefiel Karla. Und auch der muskulöse Mann über ihr, der sie mit seinen grossen Händen auf den Waldboden drückte, hatte diesen Geruch. Sie liebte diese groben Hände mit ihrer verborgenen Kraft. Das hatte ihr Freund zu Hause nicht zu bieten. Der machte aus jedem Mist gleich eine Szene, heulte rum und trank Lindenblütentee. Dabei hasst Karla nichts so sehr wie Gefühlsduselei. Sie heult bloss, wenn sie nicht einschlafen kann. Karla funktioniert. Im Grunde war doch alles so einfach, selbst dieser Betrug. Karla küsste den Muskelmann noch einmal, dann stiegen sie ins Auto. Auf der Fahrt nach Zürich drückte er ihren Kopf in seinen Schoss und Karla blies ihn. Das war lustig, und auch die Lastwagenfahrer auf der Überholspur hatten ihren Spass. Sie feuerten die beiden mit Lichthupen an. Dann klingelte das Telefon des Muskelmanns. Es war seine Frau. Die wartete mit den beiden Kindern zu Hause im Aargau. Karla war etwas unsicher. «Soll ich weitermachen?» «Klar. Mach weiter.» Also lutschte sie weiter, bis er kam. Es gab eine ziemliche Sauerei.
Karla hatte danach kein schlechtes Gewissen, auch wenn sie an die beiden kleinen Kinder dachte oder an ihren Teetrinker zu Hause. Sie wäre eine Liebhaberin geworden, wie sie sich wohl viele Männer wünschen. Praktisch und ohne moralische Gefühlsduseleien. Denn schliesslich darf Begierde keine Moral kennen, wenn sie lodern soll. Treue? Wahrheit? Karla ist nicht mehr im Kindergarten. Und auch der Muskelmann ist es nicht. Er spielt wohl gerade Vater mit seinen Kleinen im Garten oder bucht Strandferien mit seiner Frau. Vor ein paar Wochen hat Karla ihren Freund verlassen. Da musste sie dann doch ein bisschen heulen.

Liaison Dangereuse

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www.myspace.com/liaisondangereuse

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