Investment Banking im Selbstversuch
Der Tages-Anzeiger zahlt dem Sieger ihres Investment-Wettbewerbs 50’000 Franken. Für die «ZS» berichtet ein Wirtschaftsinformatik-Student regelmässig über seine Performance.
Erste Schwierigkeiten. Nachdem der Brief vom «Tagi» tagelang rumgelegen war, habe ich mich heute endlich entschieden, das Ding zu öffnen und die Internetseite aufzurufen. Bereits vor dem ersten Login wird die aktuellste Rangliste angezeigt: Über 10 Prozent Rendite haben die ersten fünf bereits erspielt! Es gilt also aufzuholen. Kaum eingeloggt, erblicke ich freudig einen virtuellen Kontostand, der mir in der realen Welt nur in meinen wildesten Träumen begegnen würde. Und eine unendliche Flut an handelbaren Börsentiteln. Wer bei einem Investment-Game nur an Aktien, Währungen, Gold und Rohstoffe denkt, wird enttäuscht. Stattdessen wird der Finanznovize mit «Knock-Out Warrants», «Mini-Futures», «Twin-Win Zertifikaten» und «Barrier Range Reverse Convertibles» überrumpelt – für die es sich zu entscheiden gilt. Börse 2.0 sozusagen. Nach einigen Minuten ahnungslosem Rumgeklicke entdecke ich die Online-Hilfe. Diese enthält eine kurze Aufzählung der gehandelten Derivate (19 an der Zahl), sortiert nach potenzieller Rendite, respektive Risiko. Neben diversen langweiligen Indizes, Obligationen als Basiswerte und einigen undurchsichtig gemanagten Produkten existieren auch einige wenige Produkte mit Aktien als Underlying.
Erste Entscheidung. Ich beginne, meine 50’000 Franken unter die Leute zu bringen und in ein paar Zertifikate zu investieren. Ein Entscheid fällt schnell: Um nichts zu überstürzen, will ich nur die Hälfte investieren und damit höchstens eine handvoll Produkte kaufen. Letzten Endes nehme ich Apple (die mit den hübschen Computern) und Halliburton (die mit dem weniger hübschen Ex-Chairman auf dem Vizepräsidentensitz im Weissen Haus). Diese Kombination von Coolness und Evilness solls richten.
Erste Bilanz. Nach einer Woche «Cash Daily» statt «20 Minuten» und den Bund «Börsen und Märkte» statt der Kurznews der «NZZ» ist es höchste Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen. Kann auch ein mittelmässiger Wirtschaftsstudent (ja, auch wir dürfen Wirtschaftsfächer studieren) erfolgreich investieren? In den letzten knapp zehn Tagen ist viel passiert: Die Türkei wollte im Nordirak einmarschieren und George W. Bush malte den 3. Weltkrieg an die Wand. Der Ölpreis liegt bei einem Rekordstand von 90 Dollar pro Barrel, was goldene Profite für die Ölkonzerne verspricht und sich hoffentlich auch im Profit meines Portfolios niedergeschlagen hat. Ausserdem haben Analysten von «Gartner» der Firma Apple wieder einmal höhere Marktanteile bescheinigt. Doch dann die grosse Ernüchterung: Noch immer der gleiche Kontostand, meine Transaktionen nirgends zu finden. Merke: Auftragslimits sollte man grosszügig einstellen, sonst kann es sein, dass die Kurse bereits vor dem Kauf so stark steigen, dass dieses Limit übertroffen und der Auftrag nicht ausgeführt wird. Schade. Die gute Nachricht: Von 3254 Teilnehmern befinde ich mich mit meinen 50’000 Franken auf Platz 378. Gute Ausgangslage für den Sturm an die Spitze.
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