Easy? Da habt ihr was falsch verstanden

Von Andres Eberhard, 03. März 2008

Von wegen Parties feiern und ausschlafen: Das Studi-Leben ist für den Studierenden eine Herausforderung sondergleichen.

  • Wohl oder übel muss er seine Sommerferien opfern – denn die Semestergebühren bezahlen seine Eltern. (Bild: Lukas Messmer)
  • Primarschüler müssen draussen bleiben. Morgens um acht füllen die Studierenden das Tram. (Bild: Lukas Messmer)

Morgens um zehn Uhr am Bellevue: Die Trams sind überfüllt, VBZ-Helfer drücken die Menschen ins Innere der Stras-senbahn wie man zu Hause den Müll packt: Ein bisschen kann man noch reinstopfen, dann aber nichts wie verschlies-sen und weg damit. Ist es ein Gerücht, dass es an eben diesem Bellevue, und wohl auch am Central, um zehn Uhr morgens mehr Leute hat als zwei Stunden früher um acht? Man sagt, um diese Zeit seien die Studierenden unterwegs – diejenigen, die schon auf sind. Die meisten unter ihnen befinden sich ja, so die allgemeine Wahrnehmung, noch im Land der Träume. Sie haben die Nacht zuvor durchgefeiert und halten sich zu dieser Zeit irgendwo im Reich des schlummernden Halbschlafs auf. Wenn dem so wäre, wären Studierende ja quasi die Störlinge des Systems, die unserer Wirtschaft und damit indirekt unserem Wohlstand in der Gegenwart mehr schaden, als sie ihm in Zukunft als qualifizierte Arbeiter zu Gute kommen.  Doch diese Sicht der Dinge ist schlichtweg falsch. Das Leben von Studierenden ist in Wirklichkeit um einiges unattraktiver als sein Ruf. Das Problem ist nur, dass die Studierenden ihrerseits zur Festigung ebendieses Images beitragen. Doch warum tun sie das? Weil es erstens ausgesprochen cool ist, Student oder Studentin zu sein und noch cooler ist es, regelmässig und nicht zu selten Parties zu feiern. Studierende sind in der Wahrnehmung vieler «easy», lernen ohne Probleme einen Haufen neue Leute kennen, kennen viele schöne junge Menschen und setzen schliesslich die (Mode-) Trends. Einfach gesagt sind sie sozial geachtet, wenn nicht gar begehrt, und sind darum eine der Hauptzielgruppen von kommerziellen Anbietern zahlreicher Branchen. Der zweite Grund, warum die Studis an ihrem Image selbst schuld sind, ist: So können sie ihr Studium, das sich die meisten von ihnen um einiges entspannter vorgestellt hatten, schönreden – oder schönsaufen.  Deshalb bleibt es Zeitschriften wie dieser vorbehalten, das elend graue Studi-Leben mit etwas realitätswarmem Licht zu beleuchten. Aufgrund der zahlreichen Charaktere und Fachrichtungen, die an einer Uni zusammenkommen, wird «der Studierende» fortan in drei Idealtypen unterteilt – Mischformen vorbehalten. Schlussendlich zeigt sich aber bei allen Typen das selbe Bild: So «easy» ist ihr Leben nicht.

73-Stundenwoche: Die Sucht nach Credit-Points 

Martin (25) ist Student der Umweltnaturwissenschaften im fünften Semester und spricht von einer «Sucht nach Credit-Points», die einige Studierende in seinem Umfeld überfallen habe. Die erwähnten Kommilitonen würden sich pro Semester ein Wochenpensum von etwa 50 Kreditpunkten aufbürden. Die Kreditpunkte-Rechnung geht bekanntlich so: Ein Credit-Point rechnet sich in 30 Arbeitsstunden: 50 Kreditpunkte mal 30 macht 1500 Arbeitsstunden durch Semesterdauer à 20 Wochen: Wenn diese Rechnung stimmt, wären das nicht weniger als 73 Stunden pro Woche. Warum diese Studierenden ein solches Pensum bewältigen, das weit über das Nötige hinaus geht, weiss Martin nicht. «Es verkürzt das Studium nicht.» Es gebe aber beileibe auch so genug zu tun, wenn man sich an die Minimalanforderungen hält, wie er. Arbeiten neben dem Studium sei zwischen den Prüfungsphasen schon möglich, aber um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, reiche es bei weitem nicht. Auf die Frage, ob er jemanden kenne, der um die 40 Prozent arbeite und so mehr oder weniger selbständig sei, sagt er entschieden «nein», hält dann einen Moment inne und ergänzt: «Ah doch. Aber die ist jetzt rausgefallen». Er sagt das mit einem Lachen. Es scheint so, als wollte er damit ausdrücken, dass in seinem Studium im Prinzip schon die Idee, auf eigenen Beinen stehen zu wollen, blöd ist. Martin ist ein typischer Fall des «Sommerferien-in-der-Bibliothek-Studierenden». Ihn zeichnet aus, dass er in fast jeder Phase des Studiums um seinen Studienplatz kämpfen muss. Er verbringt die gesamten Sommerferien in der Bibliothek und hat nach den Semesterprüfungen gerade mal Zeit, für ein paar Tage weg zu fahren, bevor das Semester mit 35 Präsenzstunden wieder beginnt. Der «Sommerferien-in-der-Bibliothek-Studierende» ist von seinen Eltern finanziell abhängig, weil ihm während des Studiums die Zeit fehlt, um sich sein eigenes Sackgeld zu verdienen. Verhaut er also die Prüfungen, langen die Eltern in die Tasche und finanzieren ihm ein weiteres Studienjahr. Der «Sommerferien-in-der-Bibliothek-Studierende» misst sich ständig mit seinen Kommilitonen. Deshalb hat bei ihm eine gute Note erste Priorität: Denn das Studium ist sein Leben. Der typische «Sommerferien-in-der-Bibliothek-Studierende» studiert Architektur oder Medizin und kommt meistens nicht vor 21 Uhr aus der Uni. 

Der Studierende – Ein Meister der Parallelität 

Doch der «Sommerferien-in-der-Bibliothek-Studierende» ist meistens schon um acht Uhr an der Uni und kann deswegen um zehn Uhr unmöglich am Bellevue stehen. Das sind andere, die dort stehen, das ist beispielsweise der Typ «Überall-ein-bisschen-engagierter-Studierender», der dort die Nase platt ans Tramfenster drückt.  Psychologiestudentin Sabine ist so ein Fall. Die 23-Jährige studiert noch im Assessment, belegt aber neben Psychologie schon beide Nebenfächer, arbeitet schichtweise am Flughafen, engagiert sich im lokalen Turnverein und ist Mitglied in der Schulpflege des Dorfes. Sie stellt den Wecker bei einer Frühschicht am Flughafen auf 4.20 Uhr und ist möglicherweise tags danach bis 23 Uhr bei der Arbeit. An ihr lässt sich das tragende und namengebende Kennzeichen des «Überall-ein-bisschen-engagierten-Studierenden» erkennen: Das Engagement überall und allerzeit – und zwar in scheinbar perfekter Parallelität. Der «Überall-ein-bisschen-engagierte Studierende» ist an so vielen verschiedenen Angelegenheiten beteiligt, dass er sich nach getaner Arbeit kaum einmal ruhig niederlässt. Er hat den nächsten Tag im Kopf: Zu koordinierende Gruppenarbeiten oder den immer näher rückenden Referatstermin. Bestes Beispiel dafür: Ethnologiestudent Florian. Der 32-Jährige arbeitet häufig auch in der Nacht, um sein Studium zu finanzieren. Ein Einblick in seine Agenda zeigt eine wahre Terminflut, die nicht zuletzt auf die Übermässigkeit seiner verschiedenen Engagements zurückzuführen ist. Am Sonntag bei der Arbeit bis 23 Uhr. Dann lesen im Reader für Vorlesung vom nächsten Tag. Nach gerade mal zweieinhalb Stunden Schlaf: Frühschicht bis 16 Uhr, die entsprechende Vorlesung hat er verpasst. Montagabend mit dem Rad von Oerlikon ins Seefeld für ein Proseminar; verschwitzt teilgenommen. Bis zum Schluss bleiben ist aber unmöglich: Florian muss mit dem Rad weiter, um eine studentische Sitzung zu leiten. Nach der Sitzung gönnten sich die Kameraden des Vereins, wie Florian erzählt, in einer nahe gelegenen Bar ein Bier. Die Zeit dazu hätte er eigentlich gar nicht gehabt: Am nächsten Tag stand noch ein Referat an. Und das ganze sei bloss ein einziger Tag einer gehetzten Woche gewesen, wie er anfügt. Der «Überall-ein-bisschen-engagierte Studierende» engagiert sich aber nicht nur bei der Arbeit und in diversen anderen Vereinen, sondern auch an der Uni / ETH, besucht Sportkurse und baut sich damit an der Hochschule ein soziales Netzwerk auf. ASVZ, BQM oder VSETH sind für ihn keine Fremdworte. Der «Überall-ein-bisschen-engagierte Studierende» kommt im Idealtypus selber für all seine Ausgaben auf und wohnt meistens irgendwo in der Stadt in einer WG zum Minimalzins – und Minimalstandard. Er arbeitet Teilzeit – ob nun in einer Bar, einem Restaurant, in der Migros, am Flughafen, irgendwo in einem schalen Büro, oder noch typischer: Eine Kombination von alledem. Damit er all seine Vorlesungen besuchen kann, muss er Arbeitszeiten in Kauf nehmen, die keinen anständigen Bio-Rhythmus zulassen. Er arbeitet abends, nachts oder frühmorgens zwei bis drei Mal pro Woche, oft auch an Wochenenden. Er studiert vornehmlich Geschichte, Publizistik, Politik oder eine sonstige Studienrichtung innerhalb der Philosophischen Fakultät. Sein Problem ist die Organisation und Koordination des Studiums, der Arbeit und dem sozialen Umfeld. Einerseits, und das ist schon schwer genug, muss er Arbeits- und Studienzeiten unter einen Hut bringen. Vor den Prüfungen sitzt der «Überall-ein-bisschen-engagierte Studierende» zwei Wochen lang in der Bibliothek und muss dafür als Kompensation die ganzen Semesterferien durch zur Arbeit erscheinen. Weil er nicht mehr zu Hause wohnt, hat er sich aber auch um allerlei alltägliche Dinge zu kümmern: Kaputtes Lavabo, dreckiges Wohnzimmer, leerer Kühlschrank. Seine Freizeit muss er sich gezwungenermassen so einteilen, wie es Arbeit und Studium zulassen.

Zukunftsängste, Hungerlohn und so genannte Studi-Parties

Gregor studiert Publizistikwissenschaften und befindet sich im Endspurt seines Studiums. Er entscheidet morgens, wieviel Geld er für den Tag einsteckt, ein Portemonnaie hat er erst gar nicht. Er nimmt fünf Franken vierzig mit, wenn er weiss, dass er nach der Vorlesung in der Mensa essen geht. Um auszugehen fehlt im manchmal schlicht das Geld. Sogenannte Studenten-Parties, bei denen der Eintritt 15 statt 20 und der Viertelliter Bier fünf statt sieben Franken kostet, kann er sich nicht leisten. Gregor ähnelt sehr dem Idealtyp Nummer drei, wir wollen ihn den «Was-machst-du-nach-dem-Studium-Studierenden» nennen. Auch er steht des öfteren um zehn Uhr am Bellevue oder vor der Polybahn. Sein Leben ist im Gegensatz zum «Sommerferien-in-der-Bibliothek-Studierenden» und zum «Überall-ein-bisschen-engagierten Studierenden» wirklich recht locker, von der Prüfungszeit mal abgesehen. Sein Stundenplan ist recht dürftig. Weil er noch kein Geld verdient, wohnt er bei den Eltern. Er macht im Gegensatz zum «Überall-ein-bisschen-engagierten-Studierenden» auch zwischen den Vorlesungen relativ viel fürs Studium. Er bereitet die Stunden nach, liest die Texte im Reader ausnahmslos und rechtzeitig. Das tut er, weil er sein Studium seriös und inte-ressiert angeht – manchmal auch, weil er ein schlechtes Gewissen gegenüber sich selbst hat. Die Prüfungen zu verfehlen, kann er sich nicht leisten, weil er vom Geld der Eltern lebt. Der «Was-machst-du-nach-dem-Studium Studierende» ist von ständigen Zukunftsängsten geplagt und nimmt von allen Richtungen sozialen Druck wahr. Einerseits seitens jener Mitstudierenden, die neben dem Studium arbeiten und den ersten Schritt in die Berufswelt schon geschafft haben. Der «Was-machst-du-nach-dem-Studium-Studierende» spürt deshalb den Druck, ihnen den Schritt in die Arbeitswelt gleich zu tun. Er bewirbt sich für diverse Praktika, verarbeitet eine Absage nach der anderen. Irgendwann bekommt er dann sein Praktikum und schmeisst in dieser Zeit mehr oder weniger den Laden – zu einem Hungerlohn. Andererseits spürt der «Was-machst-du-nach-dem-Studium-Studierende» auch von familiärer Seite Druck: Die Frage «Was machst du NACH dem Studium?» hat er schon tausend Mal gehört, trotzdem weiss er darauf noch immer keine Antwort. Von solchen Zukunftsängsten geplagt, fehlt ihm oft die Lust, am Wochenende auszugehen. 

Das schlechte Gewissen trinkt mit 

Da soll bei all dieser Beweislast noch mal einer sagen, Studierende feiern bloss Parties und schlafen immer aus. Sollten sie dies aber tatsächlich beizeiten tun – auch Stereotypen haben ja bekanntlich immer ihren Ursprung – dann kann sich der Betrachter sicher sein: Zumindest plagt sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie nachmittags in der Bar sitzen oder wenn sie morgens die Snooze-Taste drücken und sich noch einmal zur Seite drehen. Auch bei ihnen ist nicht einfach alles «easy».

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