Duell: StudiVZ
Wem gehörte der blaue VW-Bus in der letzten Ausgabe?
Dafür
Studivz ist genial! So viele Möglichkeiten: Ausspannern von Pinwandeinträgen. Gruscheln von Unbekannten. Kollegen in die Pfanne hauen, indem man sie mit einem blöden Föteli verlinkt. Neues Profil erstellen mit fiktiver Traumfrau. Damit die Leute verarschen. Diese Nulltoleranz an Privatsphäre, das ist Emotion pur! Ausserdem sorgt sich Studivz um die Sozialisation der Studierenden! Mit Hilfe des Portals kann man seine Freunde erstmals auch quantitativ erfassen. Reger Nutzer kommt da auf eine ganz beachtliche Anzahl. Nett ist auch, dass Freunde der Studivz-Welt im Gegensatz zur Realität Freunde bleiben, passiere was will. Diese beruhigende Gewissheit lässt sich mit ein paar Mausklicks auch ganz einfach einholen. Da hilft auch die total unpopuläre Funktion «Freundschaft beenden» nicht viel. Wer kündet schon offiziell eine Freundschaft? Eben.
Nun ist es aber so, dass es – den erwähnten Vorteilen zum Trotz – Leute gibt, welche das Studivz nicht mögen. Diesem relativ kleinen Anteil an Studierenden steht eine riesige Zahl solcher gegenüber, welche das Studivz zwar «blöd finden», selber aber mit einer ganz beachtlichen Anzahl Freunden und Gruppen präsent sind. In diese Kategorie gehört auch der ehrenwerte Autor nebenan, der sicherlich keine Mühe scheut, das Studivz schlecht zu reden. In der Studivz-Wirklichkeit aber hat er 91 Freunde und ist Mitglied in 23 Gruppen. Warum also sollte er sich schlecht über das Studivz äussern? Schliesslich war er sich auch nicht zu schade, in die Gruppe «Anstatt zu lernen, mach ich lieber irgendeinen Scheiss im Internet» einzutreten. Also, das sagt doch alles. Studivz gut zu finden, ist halt eben uncool. Der rege Studivz-Nutzer hat das Image des verschrobenen Informatik-Studierenden, der Tag und Nacht auf dem Web rumsurft und so ganz viele nette interaktive Bekanntschaften macht, in Wirklichkeit aber ein sozialer Ausfall ist. In diese Richtung geht auch der Vorwurf, der Studivz-Nutzer habe nichts Besseres zu tun, als im Studivz Bildli anzuschauen. Hat er wohl auch nicht, na und? Gerne machen wirs trotzdem. Ich sage: Sich sozial rechtfertigen zu müssen, ist uncool!
Zum Schluss bleibt noch auf die oft verschwiegene Funktion des Studivz als Singlebörse einzugehen. Die ist zugegebenermassen recht unzuverlässig. Aber träumen ist doch erlaubt, wenn die angebetete Herzdame die Freundin eines Freundes einer Freundin ist. Dann wissen wir zumindest, an wessen Party wir gehen sollten.
Dagegen
Gruscheln. G-r-u-s-c-h-e-l-n. Haltet einen Moment inne und lasst euch dieses Unwort genüsslich auf der Zunge zergehen. Es klingt weder schön noch elegant noch lustig. Wer zum Teufel setzt so eine bekloppte Wortkreation in die Welt? Soll das eine Mischung von «kuscheln» und «grabschen» sein? Da niemand weiss, was es eigentlich heisst, weiss auch niemand, was der Gruscheler dem oder der Gegruschelten antun will. Anbaggern im Kindergarten-Slang? Wohl eher nicht. Denn als Singlebörse taugt die Plattform sowieso nix. Die Gretchenfrage lautet: Lässt man die Funktion, die anderen seine eigenen Besuche sehen zu lassen, angeschaltet oder nicht? Wer eine Seite besucht – im Wissen des Besuchten – kommt mitunter nicht drum herum, den dann als Freund einzuladen. Sonst wärs ja eine Beleidigung. Freund oder nicht Freund, das ist hier die Frage. Das ist folgenreich. Die Trennlinie ist haarscharf.
Sogar die Fotos lügen: Wann der Trend begonnen hat, abgeschnittene, unscharfe und unkenntliche Fotos raufzuladen, weiss ich auch nicht. Auf jeden Fall sehen die Studis in echt echt anders aus. Wie etwa mein Kontrahent, der sich mit seinem lasziv erotischen Grinsen als Casanova präsentiert. Wenn wir gerade bei der Selbstdarstellung sind: Exhibitionismus im Sinne von ungewollter Information war mir noch nie geheuer. Für diejenigen, die’s nötig haben, ist das Studivz ein wahres Paradies. Prahlen, angeben, protzen, darstellen: Wieviele Profile sind wohl «ehrlich» ausgefüllt? Der Drang, sich so zeigen, wie man sich gerne hätte, ist gross. Alle Informationen sind aber selektiert, nach eigenem Gusto, auch das persönliche Gruppen-Portfolio. Der perfekte Mix rundet die eigene Persönlichkeit ab. Banale Gruppen sind rar, denn wer will schon humorlos sein? Zudem sind die Betreiber geldgierige Unternehmer. Wer glaubt heute noch, die seien von einer visionären Idee getrieben? Wetten, bald ist auch die hinterletzte Ecke der sonst schlichten Seite mit Werbung vollgepackt!
Natürlich bin auch ich ein Mitglied, habe gegruschelt, geheuchelt und gelacht. Aber mein anfänglicher Jäger- und Sammlerinstikt ist schnell verflogen. Wenn der Freundeskreis abgegrast, das Gruppen-Portfolio optimiert und diversifiziert ist, stellt sich eine gähnende Leere ein. Praktisch ist nur noch der Geburtstags-Reminder.
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