Bon courage!
Jens Lien, 2006.
In Frankreich sagt man nicht «Auf Wiedersehen» oder «Tschüss» sondern «bon courage». Das mag ein kleines Detail sein. Je länger ich aber hier bin, desto besser verstehe ich die Bedeutung dieser zwei kurzen Worte. Der Franzose weiss wohl, dass das Leben oft nicht ein Sandkasten mit der kleinen, netten Nachbarin drin ist, wo zusammen Kuchen gebacken wird, der so komisch zwischen den Zähnen knirscht, sondern manchmal doch eher ein Marsch die Treppen des Eiffelturms hoch, die seltsamerweise nie enden.
Das fing schon mit den Einschreibungen für die Seminare und Vorlesungen an. Wer glaubt, dass mit der Bologna-Reform alles vereinfacht wurde, mit Computer, online, kein Papierkram, simples Mausgeklicke und so, irrt sich. Marsch die endlosen Gänge entlang, die Treppe hoch, kurzes Gespräch mit der Sekretärin, abgeschoben werden zum nächsten Sekretariat, die Treppe wieder runter, zur nächsten Sekretärin, das Ganze fünf mal vor- und rückwärts und schliesslich noch immer von gar nichts eine Ahnung haben. Und das Schlimmste ist, jede der höflichen Damen verabschiedet mich mit einem netten «bon courage». Dasselbe, wenn ich mich mit Kommilitonen unterhalte und mich kurz für eine Pipi-Pause entschuldige und sie mir dann «bon courage» wünschen. Bei meinem ersten Toiletten-Besuch hab ich’s dann gemerkt. Das «bon courage» in diesem Zusammenhang wollte wohl heissen: «Ich wünsch dir viel Glück, dass es auch Toilettenpapier und -rand auf’m Klo hat.» Oder wenn sich mein Mitbewohner am Morgen mit «bon courage» verabschiedet, ich dann locker nichts ahnend zur Metro laufe und die dann nicht fährt: «en raison d’un mouvement social!», ich den Kurs verpasse, noch immer nicht rasiert bin und kein Französisch lerne, weil in meinem neuen Wohnviertel Arabisch die Hauptsprache ist.
PS: Übrigens, das Lied aus der letzten Ausgabe bei meinem Tritt in die Hundekacke war «Human After All». Das Lied dieser Ausgabe heisst «Le vend nous portera» von Noir Désir. Ich hoffe der Wind wird mich das nächste Mal zur Uni tragen, wenn die RATP und die SNCF streiken. Ich bin ja schon gerne mit dem Skateboard unterwegs. Aber eine Stunde lang durch die überfüllten, zu schmalen, mit Stangen umzäunten Trottoirs, ist doch scheisse. An dem Ganzen ist ja doch der Sarko Schuld. Mann, tut das gut, die Schuld auf andere abzuschieben!
Kommentare:
-
Herzlichen Dank für diesen schönen Bericht!
Bin per Zufall auf diese Seite gekommen.
Ich lebe seit über 3 Jahren in Frankreich und kann nur beipflichten, es braucht sehr oft \"bon courage\", doch das ist ein Teil der Genügsamkeit der Franzosen. Sie wissen was das Leben hier an Tücken auf sich hat..... wir Ausländer bemerken diese oft schrittweise.
Doch das macht gerade die Liebenswertigkeit der Franzosen und Frankreichs aus.
À bientôt
RogerRoger , 03.12.08 (vor 3 Jahre) Antworten
Dein Kommentar:
RSS Feed für die Kommentare auf dieser Seite | RSS feed für alle Kommentare
Anmelden
Mehr aus dieser Ausgabe
- Investment Banking im Selbstversuch
- Easy? Da habt ihr was falsch verstanden
- 80 neue Lehrstühle für die ETH
- Neuer Wind im VSETH
- Was bringt der StuRa?
- Eine Evaluation, von der niemand weiss
- Verloren im Online-Dschungel
- Das digitale Massaker
- Aus «unizh» wird «UZH»
- Double Action Heavy Duty Push Pull Pump
- Vorlesung «on demand»
- Jeep Cherokee 4x4
- Auflösung Autogramm ZS#1/86
- Die falsche Wahl
- Bad Taste Party
- Sin City Erstsemestrigenfest
- Switch
- Duell: StudiVZ
- Air
- Black Rebel Motorcycle Club
- Polyball - Mit Säbel und Sextant
- Schorsch Kamerun und die Angst
- Melnitz
- White Chalk
- The Bothersome Man
- Karla
- Brief aus Wien
- Bon courage!
- Online zu «Hasch und andere Trips»
- Das verdienst du ein Jahr nach dem Studium
- Mit der Liz-Arbeit in den Beruf
- Augenmass gefordert
- Au chien qui fume
- Wo die Literatur spielt
