80 neue Lehrstühle für die ETH

Von Sabina Galbiati, 12. März 2008

Mit der Schaffung von neuen Professuren will Ralph Eichler die Studierendenbetreuung der ETH verbessern. Dazu sollen auch Mittel aus der Privatwirtschaft beschafft werden.

  • ETH-Präsident Ralph Eichler (Bild: PD)

Inwiefern hängt der Beschluss für 80 neue Lehrstühle mit den Engpässen bei der Studierendenbetreuung zusammen? — Für ein erfolgreiches Studium ist eine gute Betreuung eine wesentliche Voraussetzung. Die Situation an der ETH könnte optimaler sein, daher möchten wir das Betreuungsverhältnis verbessern. Zudem wird die Zahl der Studierenden und Doktorierenden bis 2015 um ca. 20 Prozent ansteigen. Insbesondere rechnen wir auf Grund der Bologna-
reform mit mehr Masterstudierenden aus dem Ausland. Diese Herausforderung ist eine Chance, nicht zuletzt für die Schweizer Industrie.

Welche Bereiche sollen ausgebaut werden? — Es geht hauptsächlich um den Ingenieurbereich. Schwerpunkte liegen beispielsweise in der Systembiologie, wo die Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren , Physikern und Chemikern gefördert werden soll. Ein weiterer wichtiger Bereich liegt in den grossen Herausforderungen der Gesellschaft, wozu Energietechnik, Umwelt- und Klimaforschung sowie Medizintechnik gehören. Gerade in der Energieforschung besteht ein Mangel an Ingenieuren, der sich auch in der Schweiz bemerkbar macht. Unser Wirtschaftswachstum könnte ein ganzes Prozent höher sein, hätten wir mehr Ingenieure.

Mit welchem Budget muss die ETH für die 80 Professurstellen rechnen? — Das Budget liegt im zweistelligen Millionenbereich. Eine Professurstelle mit Assistenten und Doktoranden sowie der nötigen Infrastruktur kostet pro Jahr etwa eine Million Franken.
Woher nimmt die ETH dieses Geld? — Die ETH wird auch in Zukunft zum grössten Teil auf die Finanzierung durch den Bund angewiesen sein. Wir müssen uns aber stärker um andere Finanzierungsquellen bemühen – wie beispielsweise um Gelder des Nationalfonds und Projekte der EU sowie um Drittmittel.
Woher stammen diese finanziellen Drittmittel? — In erster Linie wollen wir mit den Forschungsanstalten im ETH-Bereich* gemeinsame Professurstellen schaffen, denn diese Institutionen bieten die für die Forschung nötige Infrastruktur. Im Weiteren wollen wir in den Bereichen Systembiologie und Energieforschung vermehrt mit grossen Firmen zusammen arbeiten, da diese an unseren Abgängern sehr interessiert sind.
Wird dadurch nicht die Unabhängigkeit der Forschung und Lehre gefährdet? — Nein. Die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung ist eine absolute Bedingung. Unsere Erfahrung zeigt, dass dies respektiert wird. Forschungsprojekte im Rahmen von Kooperationen mit der Industrie verfolgen allerdings konkrete Anwendungsziele. Darüber herrscht jedoch Transparenz.
Werden alle Professorinnen und Professoren in der Lehre tätig sein? — Ja, für jede Professur ist ein Vorlesungs- und Betreuungspensum geplant. Nur so können wir gewährleisten, dass die Studierenden optimal betreut werden. Lehre und Forschung gehören eng zusammen; reine Forschungsprofessuren passen nicht in unser Konzept.
Wie sieht der zeitliche Rahmen aus? — Wir wollen bis 2015 alle Professurstellen besetzt haben. Das heisst pro Jahr zehn neue Berufungen. In nächster Zukunft sollen insbesondere die Bereiche der Systembiologie und Energietechnik ausgebaut werden. Die weiteren Stellen werden je nach Studierendenzahl, Bedürfnissen und Finanzierungsmöglichkeiten geschaffen.
Heisst das, der Plan ist noch nicht definitiv? — Ja, wir wollen den Plan so flexibel wie möglich gestalten. Dies bedeutet im Extremfall, dass geplante Lehrstühle wieder gestrichen werden, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern und das Bedürfnis für weitere Lehrstühle sich auf andere Gebiete verlagert.
* Dazu gehören das Paul Scherrer Institut (PSI), die Empa (Materials Science & Technology), die Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und die Eawag (Wasserforschungsinstitut).

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