Winterurlaub in Transnistrien
Von einem durch Interpol gesuchten Direktor eingeladen, besuchten die Autoren den Pseudo-Staat. Und dies zur besten Reisezeit, nämlich im Dezember.
Die Republik Moldau ist nicht nur das ärmste Land Europas, sondern hat auch die zweifelhafte Ehre, einen voll funktionstüchtigen separatistischen Staat zu beheimaten: Transnistrien, jenseits des Dnjestr gelegen, hat eine eigene Währung, Polizei, Regierung und leider auch ein Grenzwachkorps. Gerne preist die transnistrische Propaganda auch die angeblich herrschende Demokratie und Meinungsfreiheit, von welcher freilich in Wirklichkeit nicht die Rede sein kann. Dennoch wollten wir diese Meinungsfreiheit auf die Probe stellen und kündigten uns in der Che-Guevara-Hochschule als Gastdozenten an, um das Schweizer Modell der direkten Demokratie vorzustellen.
Nach einer heiteren Nachtzugfahrt trafen wir in der moldauischen Hauptstadt Chisinau ein, die vor allem mit der Tatsache bestach, dass man auf dem zentralen Platz rund um die Uhr Blumen kaufen kann und dabei sogar die Auswahl zwischen hundert verschiedenen Läden hat. Da Chisinau aber nicht zu den Unterhaltungsmetropolen Europas gezählt werden kann, zog es uns bereits am ersten Abend in Richtung Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens.
Die offizielle transnistrische Tourismushomepage visitpmr.net verspricht eine problemlose, visumfreie Einreise in das abtrünnige Gebiet – die Realität sah dann allerdings anders aus: Nach einer zweistündigen Taxifahrt im Schneegestöber und fast gleich langen Verhandlungen an der Grenze wurde uns die Einreise mangels Einladungsschreiben verweigert. Auch die Visitenkarte des transnistrischen Chefideologen Dmitri Soin, seines Zeichens auch Direktor der Che-Guevara-Hochschule, machte wenig Eindruck.
Im Norden attackieren
Zurück in Chisinau beschlossen wir, am nächsten Tag einen neuen Angriff im Norden des «Landes» zu starten. Einerseits hofften wir auf mehr Kooperation an den abseits der Touristenströme gelegenen Grenzübergängen im Norden, andererseits wollten wir uns die als «Transnistrische Schweiz» angepriesene Region Kamenka ohnehin nicht entgehen lassen. Tatsächlich glückte nun die Einreise, für etwa 70 Rappen wurde uns ein Aufenthaltstitel für maximal zehn Stunden gewährt. Die transnistrische Schweiz war dann aber doch mehr Transnistrien als Schweiz. Die kulinarischen Höhepunkte waren speziell dünn gesät, denn Kamenka zählt nur drei Restaurants: Im ersten hätte man am Vortag reservieren müssen, im zweiten war geschlossene Gesellschaft und im dritten gab es nur «Kotelett mit Grütze», wobei das postsowjetische Kotelett nichts mit dem hiesigen zu tun hat und wann immer möglich gemieden werden sollte. Am Nebentisch wurde Suppe aufgetragen, unser Anspruch auf eine ebensolche Behandlung wurde mit dem Hinweis abgewiesen, es sei nur eine Suppe vorhanden und diese sei reserviert gewesen.Am nächsten Tag gelang es uns endlich, auch nach Tiraspol einzureisen: Dazu mussten wir uns lediglich bereit erklären, danach in Richtung Ukraine auszureisen (wahrscheinlich machte sich aber nicht einmal der Grenzmajor die Illusion, dass wir dies wirklich beabsichtigten). An jenem Tag fanden die russischen Dumawahlen statt – natürlich auch in Tiraspol, wo lauter Russenpop die Bürger zu den Wahllokalen rief. Nun schauten wir auch mal in der Che-Guevara-Hochschule vorbei, wo uns – zu unserer grossen Überraschung – nach wenigen Sekunden die offiziellen Einladungsschreiben in die Hand gedrückt wurden.
Transnistrische Demokratie
Damit ausgerüstet, passierten wir am nächsten Tag einmal mehr unseren Lieblings-Grenzübergang. Die Grenzwächter kannten uns bereits, so blieb uns sogar der sonst obligate Eintrag ins grosse Buch erspart. Tatsächlich war es uns nun möglich, in der Hochschule der obrigkeitstreuen Jugendorganisation Proryv die vier Pfeiler der schweizerischen Demokratie zu predigen. Die Demokratie nach transnistrischer Art sah dann folgendermassen aus: Unser handverlesenes Publikum bestand aus mehr oder weniger interessierten Kindern im Sekundarschulalter. Entsprechend drehte sich dann die Diskussion auch mehr um die prekäre Menschenrechtslage in der Schweiz als um deren demokratischen Errungenschaften. Die Lehre daraus: Man darf in Transnistrien wohl alles sagen – wer es hören darf bestimmt hingegen Dmitri Soin.Dieser ist nicht nur einer der Chefideologen Transnistriens, sondern bekleidet angeblich auch eine hohe Geheimdienst-Position und wird von der Interpol wegen zweifachem Mord gesucht. Darüber hinaus ist er begeisterter Yoga- Anhänger – eine Begeisterung, die sich auch auf die vorwiegend weibliche Proryv- Führungsriege auswirkt. In seinem Yoga- und Teelokal «Siebter Himmel» über den Dächern von Tiraspol wurden wir nach der Vorlesung staatsmännisch empfangen, Soin überreichte jedem ein mit Widmung signiertes Exemplar seines Werks «Der nackte Voronin», das vom moldauischen Präsidenten handelt. Nun entwickelte sich doch noch ein Gespräch über die schweizerische Demokratie, insbesondere über die auch dort bekannte Schäfchenkampagne – im Vorzeige-Rechtsstaat Transnistrien, wo der Präsident auch schon mit dreistelligen Prozentzahlen gewählt wurde, erteilte man uns so eine Lehre über Demokratie. *Die Autoren studieren beide Politikwissenschaft und sind begeisterte Osteuropa-Reisende. Daniel Zollinger kommt die Rolle desReiseführers zu: Er spricht mehrere slavische Sprachen, unter anderem Polnisch, Russisch und Serbokroatisch. Zum Zeitpunkt des Erscheinens der Zeitschrift ist er in Abchasien und Nord-zypern unterwegs.
Kommentare:
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Ich bin zufällig auf diesen Artikel gestoßen. Ich war vergangenen August in Transnistrien zu Besuch.
Die Einreise war von Chisinau mit dem Bus aus \"relativ\" unproblematisch. Wir mussten lediglich ein Formular ausfüllen (auf kyrillisch) um einreisen zu können. Hilfe von Einheimischen war dabei herzlich willkommen.
Da in Tiraspol Touristen wohl eher eine seltenheit sind wurden wir dort dann auch noch einige Male von Polizisten kontrolliert.
Nach einem kurzen Abstecher in die Ukraine und der 2. Einreise nach Transnistiren wollte man uns erst nach Überreichen einer kleinen Spende wieder einlassen. (ca. 10 euro)
Es hat sich also vielleicht doch schon wieder einiges verändert. Aber trozdem interessanter ArtikelKurt , 24.11.10 (vor 1 Jahr) Antworten -
Rumänisch ist keine slavische Sprache! Seltsam, dass Herr Zollinger beim Lernen den grossen Unterschied zu den anderen drei slavischen Sprachen nicht gemerkt hat...
Henri , 29.04.08 (vor 4 Jahre) Antworten -
Dieser Unterschied ist mir schwerlich entgangen, die kursive Anmerkung habe ich allerdings nicht selbst geschrieben.Daniel Zollinger , 29.04.08 (vor 4 Jahre) Antworten
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Sehr geehrter Herr Zollinger
Vielen Dank für die interessante Artikel. Wir sind eine junge Vereinigung für Moldova und wir würden gern Sie kontaktieren.
Freundliche Grüsse
Ludmila LaubeLudmila Laube , 21.04.08 (vor 4 Jahre) Antworten
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