Startseite ↦ Archiv ↦ «Hier ist der Veränderungsdruck kleiner»
«Hier ist der Veränderungsdruck kleiner»
Viel wurde über die Proteste der Studierenden berichtet. Dozierende kamen bisher kaum zu Wort. Die ZS sprach mit Soziologieprofessor Kurt Imhof über die Protestbewegung.
In Österreich geht die Post ab, in Zürich regen sich die Studierenden nur sehr zögerlich. Warum sind die Zürcher Studierenden an jeglicher Bildungspolitik so total desinteressiert?
Na ja, so gar nicht interessiert sind sie offensichtlich nicht. Jedoch: Im Unterschied zur deutschen und österreichischen Universitätslandschaft ist die blosse Infrastruktur der schweizerischen Universitäten ein Quantensprung besser. Es gibt diese überfüllten Hörsäle und auch diese unmöglichen Zahlen- beziehungsweise Betreuungsverhältnisse zwischen Lehrpersonal und Studierenden nicht. Hier ist der Veränderungsdruck kleiner.
Warum entstehen die Proteste gerade jetzt?
Jugend- und Studentenbewegungen sind ein diskontinuierlicher Bestandteil des sozialen Wandels. Es gibt immer wieder relevante Bewegungen, aber nicht immer. Es ist kein Zufall, dass sich jetzt in der Krise wieder eine Bewegung abzeichnet. Wie gewichtig die wird, das werden wir sehen. Aber es ist klar, dass die Versprechungen und Erwartungen des aktuellen Gesellschaftsmodells für die heutigen Studierenden nicht mehr in gleicher Art und Weise zutreffenden wie etwa in den 90er Jahren. Damals war die Vorstellung gängig, man kommt aus der Universität raus, egal, welches Fach man studiert hat, und hat alle Möglichkeiten bezüglich Jobs, Geld und Karriere. Das ist vorbei. Ein weiteres Momentum ist, dass das Bolognasystem im eigentlichen wie übertragenen Sinn greift. Es verändert das studentische Sein. Die Erfahrungen mit Bologna werden überdacht und als zu wenig positiv empfunden.
In Krisenzeiten kommt es aber eher zu politischen Radikalisierungen. Wobei das in Wien klar keine explizit linke oder rechte Bewegung ist.
Eine unpolitische Orientierung ist zu Beginn zu erwarten. Die Kohorten Jugendlicher und junger Erwachsener seit den späten 80er Jahren waren beziehungsweise sind tatsächlich sehr unpolitisch. Das kann man an vielen Indikatoren feststellen, zum Beispiel daran, dass die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen keine Zeitungen mehr lesen, sondern nur noch Gratismedien konsumieren. Die klassische Sozialisation über Abonnementsmedien im Elternhaus funktioniert nicht mehr, sondern wurde durch seichte Radiostationen und soziale Netzwerkmedien abgelöst, die die Menschen unter Narzissmusstress setzen. Auf diesen Problemkomplex runtergebrochen bedeutet das eine ausgeprägte Entpolitisierung der Jugendlichen. Wenn sich eine Bewegung aus diesem politischen Vakuum heraus entwickelt, dann ist sie zunächst politisch neutral. Das dient jedoch der Glaubwürdigkeit der Forderungen. Sie kann dann, wie jede Bewegung, vereinnahmt werden.
Leitet das nicht den Niedergang der etablierten Parteien ein?
Das hat jede grössere Bewegung immer behauptet, durch die ganze Moderne hindurch. Die Frage ist eher, welche Partei oder welcher Akteur sich diesen Postulaten annimmt. Da ist ja gerade Österreich interessant, wo die Parteien in der Ausbeutung dieser Studierendenbewegung wetteifern. Die einen werden den kürzeren ziehen, die anderen nicht. Das ist die Gefahr, welche die Studierendenbewegung in Österreich selbst sieht und teilweisse bizarre Formen der Aussenkommunikation entwickelt, um dieser Vereinnahmung – auch durch die Medien – zu entgehen.
Was meinen Sie da konkret?
Keine Spezialisierungen in Bezug auf Mediensprecher, die wechseln immer. Niemand darf Definitionsmacht erhalten. In einer Bewegung, die sich strukturiert, gibt es natürlich immer Kerne, die mehr Definitionsmacht haben. Aber hier ist der Wille da, das eben möglichst nicht aufkommen zu lassen. Da war auch am Beginn der 68er- und der 80er-Bewegungen auch so.
Wir Studierenden von heute haben doch viel mehr Freiheiten als diejenigen der 80er Jahre.
Da habe ich eine klar andere Meinung. Die Zwänge, welcher die Studierendengenerationen im Zeitalter von Bologna unterliegen, sind sehr viel grösser als diejenigen in den 80er Jahren. Wir haben es mit einer Verschulung des Studiums und mit einer sehr viel dichteren Leistungsabfragung zu tun, die in einer neuen Währung, diesen ECTS-Punkten, ausgewiesen werden muss. Ausserdem lassen sich die Studiengänge weniger gut kombinieren und die Bestreitung des Lebensunterhalts neben dem Studium ist schwieriger geworden.
Die Besetzer im KOH-B-10 werden zur Zeit eher belächelt, als bewundert, hat man das Gefühl?
Sie haben einige Resonanz. Die Frage stellt sich jetzt, wie stark das Signal aus Österreich und Deutschland auf Zürich übertragen wird. Ein Resultat der Bewegungsforschung ist, dass diejenigen Bewegungen eine Chance haben, die international sind und eine hohe Themenkonvergenz haben. Das ist hier der Fall. Die Vorstellung, dass die Universitäten zu stark einer ökonomischen und beruflichen Nutzenorientierung dienen, dass die Freiheit des Studierens eingeschränkt sei, und dass die Universitäten an Unabhängigkeit verloren haben, das ist überall das Thema. Diese Konvergenz ist eine Voraussetzung für eine Bewegungsdynamik.
Werden sie an der Besetzung noch teilnehmen?
Nein, das wäre wahrscheinlich auch nicht zweckmässig. Die bildungspolitischen Veränderungen müssen primär von den Studierenden kommen.
In Österreich war es auch so, dass sich Dozierende solidarisch erklärt haben und bei den Protesten mitmarschiert sind.
Das hängt von der Nachhaltigkeit dieser Bewegung hier ab. Denn es ist klar dass das Bolognasystem im aktuellen Modus eine Verarmung der Universität darstellt und vor allem sehe ich, dass die Universitäten an Unabhängigkeit und Eigenständigkeit verloren haben. Die Unabhängigkeit ist die uralte Idee der universitas und die unterstützt jeder Wissenschaftler.
In Wien waren die Professoren solidarisch, in Münster hat das Rektorat die Polizei gerufen. Was wird Rektor Andreas Fischer wohl in Zürich tun?
Meine Vorstellung ist die, dass die Universitätsleitung das ähnlich laufen lassen wird wie in Österreich, ausser es gäbe Zerstörungen.
Man hat aber das Gefühl, dass das Rektorat gegenüber „uni von unten“ eher feindselig eingestellt ist?
Ich stelle mir eher Verunsicherung vor. Die Universitätsleitungen sind sich nicht mehr gewohnt, dass Studierende protestieren. Und die Erwartungen in Zürich sind geprägt von den ritualisierten Tumulten am 1. Mai. Hier hat sich eine Protesttradition etabliert, wo sich die Medien und die Jugendlichen immer am selben Datum treffen, die Jugendlichen inszenieren für die Medien, und die Medien beschreiben die Inszenierung. Die Resonanz misst sich an der Zerstörung, weil der Grad der Zerstörung der wichtigste Nachrichtenwert darstellt und das wissen beide Akteurgruppen. Das ist hoch ritualisiert und reproduziert gerade deshalb ein gewalttätiges Bewegungsmilieu. Damit musste im Frühlingssemester die Universitätsleitung rechnen.
Was will denn eine Studierendenbewegung in Zürich fordern? Wir haben moderate Studiengebühren, keinen Numerus Clausus, UZH und ETH werden beide nur minim durch Drittmittel finanziert. Die Forderungen aus Österreich greifen hier doch gar nicht.
So gering sind die Drittmittel nicht, aber diese Frage spielt eine geringe Rolle. Grundsätzlich ist die Verschulung und das Abfütterung von Mainstream-Wissen hier wie an anderen Universitäten gleich. Ungleich, wie gesagt, sind noch die Betreuungs- und Infrastrukturverhältnisse. Ausgerechnet jetzt, bei massiv steigenden Studierendenzahlen, den gewaltigen Belastungen für Bologna und gegen die Einsicht, dass Investitionen in die Bildung notwendig sind, kommt ein massives Sparprogramm auf die Universität zu. Ausserdem: Unsere Gebühren sind gemessen am europäischen Ausland relativ hoch und Forderung für eine Erhöhung stehen politisch im Raum. Das wäre nicht für alle tragbar, zumal um die 70 Prozent der Studierenden nebenher arbeiten. Das alte Bild einer Elitenuniversität, deren Studierende von den Eltern Geld fürs Studium bekommen, gilt nicht mehr. Trotzdem behindern die Anforderungen im Bachelor die Erwerbstätigkeit.
Ist eine Erhöhung der Studiengebühren denn in Zürich mehrheitsfähig?
Schwierig. Ich glaube vor den Protesten in Österreich und quer durch Europa war das im Kantonsrat mehrheitsfähig. Weil man sagte: Das ist alles leistungsorientiert, die Studierenden können ja Kredite aufnehmen, die können sie dann wieder abzahlen.
Sind die Forderungen nicht schon wieder vom Tisch?
Überhaupt nicht, die Debatte ist im Gang. Der Kanton Zürich will massiv sparen und man will über erhöhte Studiengebühren die Kosten der Universität reduzieren. In einer Zeit der Krise ist das ein falsches Signal.
Inwiefern zeigt sich diese Entwicklung zu anwendungsorientierter Lehre?
Von der Idee her soll die Universität eine Sphäre des organisierten Skeptizismus sein. Das unterscheidet Unis von Schulen. Das heisst keine These, Theorie oder Methode ohne Begründung und jede Begründung muss sich guten Gegenargumenten stellen. Dieser organisierte Skeptizismus ist unverträglich mit übervollen Lehrplänen und dem Stress permanenter Leistungstests. Beides befördert das Mainstreaming der Wissensvermittlung und die Konzentration des Wissenserwerbs auf Bulletpoints. Im Effekt bedeutet das nicht nur eine Engführung wissenschaftlichen Wissens sondern auch eine Veränderung des Diskurshabitus in der Universität.
Kommentare:
Bisher hat niemand diese Seite kommentiert.
Dein Kommentar:
RSS Feed für die Kommentare auf dieser Seite | RSS feed für alle Kommentare
