Startseite ↦ Archiv ↦ Feiern bis der Arzt kommt
Feiern bis der Arzt kommt
An Schweizer Openairs müssen Hunderte jeweils von der Sanität versorgt werden. Die Notärzte haben dabei aber fast immer alles unter Kontrolle.
-
Trotz Schlamm verging den Besuchern am Paléo Festival nicht das Lachen (Bild: Paléo / Eddy Mottaz) -
Es sieht gefährlicher aus als es war: Lediglich 3 von 230'000 Personen mussten während den sechs Tagen mit einer Ambulanz ins Spital gebracht werden. (Bild: Paléo / Boris Soula)
-
Bernhard Thomann hatte am Gurtenfestival alles im Griff (Bild: operationszentrum.ch)
Bernhard Thomann (50) hat in den letzten 20 Jahren kein einziges Gurtenfestival verpasst. Und dabei hat er sich stets auch um jene gekümmert, die das Openair in keiner guten Erinnerung behalten. «Bänz», wie Thomann alle nennen, leitet seit zwei Jahrzehnten die Sanität des Festivals auf dem Berner Hausberg Gurten. So schnell bringt den Facharzt für Chirurgische Orthopädie nichts aus der Ruhe. Als beim vergangenen Gurtenfestival eine Patientin mit einer heftigen allergischen Reaktion in das Sanitäterzelt gebracht wurde, reagierte Thomann besonnen: «Natürlich kann das lebensgefährlich sein, wenn alles anschwillt und sich die Atemwege verschliessen. Aber wir haben ihr dann eben eine Infusion gelegt und die richtigen Medikamente verabreicht. Bei uns war sie bestens versorgt.»
Paléo Festival: Das sicherste Openair
Eine solch professionelle Betreuung war an den Schweizer Openairs lange keine Selbstverständlichkeit. Dies obwohl bei jedem grossen Musikfestival rund 1-2 Prozent der Besucher eine medizinische Betreuung brauchen. Am wenigsten in diesem Jahr waren es am Paléo Festival in Nyon. «Von den 230'000 Besuchern, die in den sechs Tagen am Festival waren, mussten lediglich 1700 die Sanität aufsuchen, drei davon wurden mit der Ambulanz ins Spital gefahren», sagt Christophe Platel, Mediensprecher des Paléo. In Frauenfeld und St. Gallen war bei der Sanität mehr los und vor allem endete das Wochenende an den Ostschweizer Openairs für mehr Besucher im Spital (siehe Box). In St. Gallen waren es 10, in Frauenfeld sogar 31. Andrea Läderach vom Openair Frauenfeld hat dafür «leider keine Erklärung». Harry Huber, Koordinator des Rettungswesens im Kanton Thurgau, sagt, dass es aufgrund des ungünstigen Geländes in diesem Jahr besonders viele Verletzungen im Bereich des oberen Sprunggelenkes gegeben habe, die dann im Spital behandelt werden müssen. Aber auch in akuten Fällen wie dem Alkohol oder Drogenmissbrauchs sei es sicherer jemanden ins Spital zu verlegen, sofern das in nützlicher Frist geschehen kann. «Bei uns dauert der Transport vom Openair ins Spital knappe fünf Minuten. An einem anderen Openair, wo dieser Weg länger dauert, müssen solche Fälle eher vor Ort behandelt werden», vermutet Huber.
Immer mehr junge Mädchen trinken immer mehr Alkohol
Der Weg vom Gurtenfestival ins nächstgelegene Spital dauert 20 Minuten. Nicht zuletzt auch deswegen, ist Bänz Thomann und sein Team («DOCS») auf fast alles vorbereitet: Von den 1316 Patienten haben die fünf Ärzte, ein Dutzend Pflegefachpersonen und weitere Helfer unter der Leitung von Thomann, fast alle vor Ort versorgen können. Lediglich zehn Personen wurden an ein Spital weiterverwiesen. «Die meisten Fälle waren aber bloss kleine Bagatellen wie Schürfungen oder Schnittverletzungen», erzählt der bodenständige Thomann in breitem Berndeutsch. «Natürlich gibt es auch immer wieder kompliziertere Fälle, wo wir schnell reagieren müssen. Doch das ist in jedem Jahr in etwas das gleiche und so können wir das gut einschätzen.» Die Arten der Verletzungen haben sich auch nicht geändert. «Auch schon vor zwanzig Jahren wurde Alkohol getrunken und Drogen konsumiert. Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass mehr jüngere und vor allem weibliche Besucherinnen über ihren Durst hinaus trinken.» Von den 30 «Komatrinker» die Thomann versorgt hat, waren zwei Drittel weiblich. Doch das beunruhigt ihn nicht: «Solche Fälle gehören zu einem Grossanlass.»
Sicher aber seien mehrtägige Anlässe intensiver als Tagesevents. Ob Thomann dann im nächsten Jahr auch noch am Gurten sein wird, weiss er momentan noch nicht. Er wird aber weiterhin unter Tausenden feiernden Menschen derjenige sein, der einen kühlen Kopf bewahrt und die betreuen, die am nächsten Morgen von der grossen Feier nichts mehr wissen. Auf seiner Webseite hat er nämlich verkündet: «DOCS wird Partner der Stade de Suisse AG für die medizinische Betreuung von grossen kulturellen Veranstaltungen!»
| Festival | Besucher | Verletzungen | Hospitalisiert |
|---|---|---|---|
| Openair St. Gallen 30. Juni - 3. Juli Regen/Sonne |
105'000 | 1231 (1.2%) | 15 (1.2%) |
| Openair Frauenfeld 8.-10. Juni Sonne/Regen |
140'000 | 1000 (0.7) | 31 (3.1) |
| Gurtenfestival 14.-17. Juli Sonne/Regen |
72'000 | 1316 (1.8) | 10 (0.8) |
| Paléo Festival 19.-24. Juli Regen |
230'000 | 1700 (0.7) | 10 (0.6) |
Kommentare:
Bisher hat niemand diese Seite kommentiert.
Dein Kommentar:
RSS Feed für die Kommentare auf dieser Seite | RSS feed für alle Kommentare
