«Die Studierenden wurden betrogen»

Von Corsin Zander, 03. Dezember 2009

Die Demonstration der Gruppe «uni von unten» sorgte an der Uni für viel Gesprächsstoff. Die ZS sprach mit dem Rektor Andreas Fischer und mit Martin Meyer, Vorstandsmitglied des SIAF.

  • Sprayerei an der Uni Zürich. (Bild: Corsin Zander)
  • Die Revolutionäre Jugend Zürich (RJZ) ist an der Uni Zürich vertreten. (Bild: Corsin Zander)
  • Rektor Andreas Fischer. (Bild: David Hunziker)
  • Martin Meyer, Vorstandsmitglied des SIAF. (Bild PD/NZZ)

Gross war die Überraschung am vergangenen Dienstag, als rund 70 Studierende vor dem Haupteingang der Universität Zürich gegen den Vortrag von Daniel Vasella demonstrierten. Vor einer Uni, in der politische Aktivitäten in den vergangenen Jahren Randerscheinungen waren. Vielen ist der Studierendenrat (StuRa), die offizielle Vertretung der Studierenden an der Uni, gänzlich unbekannt. An dessen Wahlen beteiligen sich seit Jahren weniger als zehn Prozent aller Studis. Sieht man von kleineren Aktionen, wie beispielsweise einer Unterschriftensammelaktion der GsoA im vergangenen Semester, ab, ist an der Uni Zürich kaum politische Aktivität auszumachen. Öffentlichkeits- oder gar medienwirksam sind diese auch nicht. Ganz anders die Aktionsgruppe «uni von unten». In dieser losen und bisher anonymen Gruppe sammeln sich Studierende mit unterschiedlichsten politischen Meinungen: von Reformisten über Antifaschisten, bis hin zu Anarchisten und Kommunisten. Dennoch – oder gerade darum? – hat die Gruppe es geschafft, innert kürzester Zeit eine ansehnliche Anzahl Demonstrierende zu mobilisieren. Für «uni von unten» sind Personen wie Daniel Vasella an der Uni «not welcome». Deswegen rief es dazu auf, ihn «gebührend zu empfangen». Einige Aktivisten zogen sich weisse Kittel über und verteilten in einer Makrovorlesung Ritalin. Ausserdem verschickte die Aktionsgruppe Medienmiteilungen und plakatierte rund um die Uni, um vor dem «wachsenden Einfluss der Privatindustrie auf die Uni» zu warnen.

Keine kritischen Worte sondern Farbbeutel und Eier?

Von dieser Warnung erfuhren bald auch die Leitung der Universität und das Schweizerische Institut für Auslandforschung (SIAF), welches den Vortrag in der Aula der Uni veranstalten wollte. Beide waren laut eigener Aussage von dieser Bewegung überrascht worden. So setzten sie sich mit der Polizei zusammen und entschieden sich schliesslich, den Vortrag zu verschieben. Martin Meyer, Vorstandsmitglied des SIAF und Mitorganisator des Vortrages, ist sehr enttäuscht, dass der Vortrag nicht stattfinden konnte. «Es ist doch ein grosses Ereignis, wenn eine solche Persönlichkeit wie Herr Vasella an der Uni einen Vortrag hält. Ich verstehe, dass man nicht in allen Punkten mit Herrn Vasella einverstanden ist», sagt er. Dies sei sich auch Vasella bewusst und daher bereit für einen kritischen Dialog gewesen. Es hätten allerdings alle Indizien dafür gesprochen, dass eine gewaltbereite Masse an die Uni kommen werde. «Diese anonyme Gruppe uni von unten sprach von einem ‹gebührenden Empfang›, damit meinten sie kaum kritische Worte, sondern eher Farbbeutel und faule Eier. Ein Fanal war vorprogrammiert und so blieb uns nichts anderes übrig, als den Vortrag kurzfristig zu verschieben», erklärt Meyer. Andreas Fischer, Rektor der Universität Zürich, sieht in erster Linie die Meinungsfreiheit gefährdet: «Wichtig für alle an der Uni Zürich stattfindenden Veranstaltungen ist, dass die Meinungsfreiheit respektiert und dass den Vortragenden Respekt entgegengebracht wird. Der aggressive Ton des Flugblattes der anonymen Gruppe uni von unten, liess befürchten, dass diese Bedingungen nicht eingehalten würden. Dies ist für uns nicht akzeptabel.»

«Diese ideologische Abwendung ist absurd!»

Mit den konkreten Vorwürfen und Forderungen der Gruppe «uni von unten» möchten sich weder Fischer noch Meyer auseinandersetzen. Auf den Vorwurf, die Privatwirtschaft wolle die Uni unterwandern und auf die Bildung Einfluss nehmen, sagt Meyer lediglich: «Diese ideologische Abwendung ist absurd! Wir haben in der Schweiz neben der Bildung doch keine wirklichen Ressourcen ausser Schokolade und Uhren. Die Bildung ist die Hauptressource unseres Landes, ohne Unterstützungen der Privatwirtschaft wäre sie in dem Rahmen, wie sie Studierenden heute geniessen dürfen, gar nicht mehr möglich.» Auf die Befürchtung von «uni von unten», dass geisteswissenschaftliche Fächer bei vermehrtem Einfluss der Privatwirtschaft auf der Strecke bleiben würden, antwortet Meyer: «Man kann es privaten Firmen nicht übel nehmen, dass sie dort investieren, wo sie den grössten Output erwarten. Doch letztlich bleibt das die Politik der Hochschulen und nicht die der Privatwirtschaft.» Fischer findet auf diesen Vorwurf hin klare Worte: «Ich weise die Behauptungen dieser anonymen Gruppe, dass irgendwelche Konzerne aktiv auf Lehrinhalte an der Uni Zürich Einfluss nähmen, und dass unter dieser Einflussnahme die geisteswissenschaftlichen Fächer litten, kategorisch zurück.»

Unkritische Rednerinnen und Redner?

Dass Personen wie Vasella an der Uni Vorträge halten, hat mit dem Einfluss der Privatwirtschaft für Rektor Fischer nichts zu tun. Es sei eine schöne und für die Uni Zürich sehr wichtige Tradition, dass sie den Rahmen für öffentliche Vorträge von allgemeinem Interesse biete. Die Zusammenarbeit mit dem SIAF bezeichnet er auf dessen Internetseite als «Beispiel für die gelungene Kooperation zwischen der Universität und ihren privaten Partnern.» Das Aktionskomitee «uni von unten» sieht das SIAF hingegen als «schlecht getarnten neoliberaler Think-Tank, der versucht, sich im Bildungssektor zu platzieren.» Tatsächlich schreibt das SIAF auf ihrer Website auch, dass die Partner – Grosskonzerne wie UBS, CS, Nestlé oder Swiss Re – das SIAF «finanziell und ideell» unterstützen. Meyer hingegen betont, dass das SIAF «absolut unabhängig sei». Das SIAF sitze lediglich mit Vertretern der Uni zusammen und bestimme so die Redner. «Bisher haben sich unsere Sponsoren noch nie in das Programm eingemischt», beteuert er. Vielleicht, weil das SIAF stets Redner einlädt, die diesen Firmen freundlich gesinnt sind? Auch dieses Argument weist Meyer von sich: «Wir haben durchaus schon kritische Rednerinnen und Redner eingeladen, die den politisch linken Kreisen zuzuordnen sind.» Meyer verweist auf Rednerinnen und Redner wie Romano Prodi oder Marcia Pally. Doch fehlen nicht Redner wie Jean Ziegler oder Noam Chomsky? Meyer: «Was Jean Ziegler alles so erzählt, kann ich nicht ernst nehmen. Und zu Chomsky: Der hätte uns 40'000 Schweizerfranken gekostet, nur so viel zum Thema links.»

Studierende wurden bestraft

Meyer räumt aber ein, dass die Vortragsstrecke Vasella-Roth-Brabeck gerade in der aktuellen Zeit unglücklich geplant gewesen sei. Allerdings habe das SIAF diese Vorträge schon vor über einem Jahr geplant. Doch genau zu diesem Zeitpunkt sei es doch auch eine Chance, die aktuelle Lage kritisch mit diesen Personen zu diskutieren. «Die Gruppe uni von unten hat mit ihrem kleinkariert-reaktionären Verhalten das Erscheinen von Vasella verhindert. Das ist doch schade, damit hat sie 95 Prozent der Studierenden, die diesen Vortrag besuchen wollten bestraft», sagt er. Er habe viele frustrierte Mails von Studierenden erhalten, weil der Vortrag verschoben worden sei. «Sie wurden ganz klar betrogen», fügt er an. Einige dieser frustrierten, potentiellen Besucher konnte das SIAF gemäss der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) doch noch entschädigen. «Das veranstaltende Institut für Auslandforschung führte den Anlass in kleinem Rahmen trotzdem durch, in einem Hotel vor den zum anschliessenden Nachtessen geladenen Gästen», schrieb die NZZ am 2. April. Ob diesem Vortrag auch kritische Studierende beiwohnen durften, bleibt dahingestellt. Die ZS gehörte nicht zu den «geladenen Gästen».

Links

Schweizerisches Institut für Auslandforschung
Vasellas Vortrag wurde doch durchgeführt

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