«Gewinnmaximierung ist ein hoch ethisches Prinzip»

Von: Simona Pfister

, 29.01.10

(Bild: Simona Pfister)

(Bild: Simona Pfister)

(Bild: Simona Pfister)

Er ist gegen die Bolognareform und für eine staatliche Kontrolle über die UBS. Das Aushängeschild der Schweizerischen Volkspartei (SVP) polarisiert wie fast kein anderer Politiker. Alt-Bundesrat Christoph Blocher bewarb sich im letzten Sommer für den Wirtschaftsethik-Lehrstuhl an der Hochschule St. Gallen. Seine Bewerbung wurde allerdings nicht berücksichtigt. Was wollte Blocher den Studierenden beibringen? Die ZS sprach mit dem langjährigen Präsidenten der EMS-Chemie über seine Vorstellungen einer «lebensnahen Ethik», seine Kritik an der bisherigen Form der Wirtschaftsethik aber auch über seine Meinung zu den Studentenprotesten.

Herr Blocher, weshalb ist die Wirtschaftsethik notwendig? — Diese beiden Begriffe sind nicht zu trennen. Wirtschaft ist ethisch oder dann keine Wirtschaft. Deshalb habe ich bei der Ethik als Wissenschaft meine ganz grossen Fragezeichen. Ethik ist Sache jedes Unternehmers, jedes Managers, jeder Vorlesung, jedes Professors. Gleichzeitig – ob man darüber spricht sie nur hat.

 

Ich dachte stets, Ethik und Marktwirtschaft seien nicht vereinbar. Marktwirtschaftliche Systeme gründen auf einer hohen Ethik! Aber ich staune, wie Herr Ulrich oder ein Herr Thielemann (Anm. d. Red.: Bisheriger Leiter des wirtschaftsethischen Instituts beziehungsweise Vizedirektor des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik an der HSG) gegen die Marktwirtschaft losziehen und sie mit Wörtern wie «unethisch» oder «illegitim» bezeichnen. Ich frage mich da immer, was soll denn die Alternative sein? Wenn man die Freiheit und den Markt ausklammert, die die Marktwirtschaft ausmachen, dann bleibt doch nur die staatliche Planwirtschaft.

 

Aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Wirtschaftsethik in letzter Zeit sicher an Aufmerksamkeit gewonnen. Es gibt den Spruch «Moral ist eine gute Sache, Ethik jedoch ein Krisensymptom». Zunächst möchte ich festhalten, dass «Moral» das lateinische Wort für den aus dem griechischen stammenden Begriff «Ethik» ist. Sie sprechen die Wirtschaftskrise an. In der Schweiz haben wir keine solche Krise. Wir haben einen Einbruch, eine Rezession. Dennoch ist etwas Wahres dran, dass der Mensch in schlechten Zeiten alle möglichen und unmöglichen Rettungspfähle sucht, so wie die Leute in schlechten Zeiten öfter in die Kirche gehen als in guten Zeiten. Aber wir werden keine Mühe haben, bei der Marktwirtschaft zu bleiben, falls Sie darauf hinaus wollen. Menschliche Fehler, wie wir sie jetzt in der Wirtschaft beobachten, kann man in keinem System ausschliessen, weil in jedem System Menschen funktionieren. Jeder unternehmerische Entscheid kann einen Fehlentscheid bedeuten. Die Versuchung ist gross, bei solchen Fehlern ein gängiges System zu geisseln. Es ist aber gerade die Stärke der freien Marktwirtschaft, dass solche Fehler, Fehlentscheide und menschliches Versagen korrigiert werden.

 

Sie betonen in ihrer Bewerbung, dass sich Ethik zukünftig wieder mehr an dem ursprünglichen griechischen Wort «ethos» als «das dem Leben Gemässe» orientieren soll. Können Sie das näher erläutern? Die heutige Ethik hat leider diese ursprüngliche Bedeutung vergessen. «Ethos» war ursprünglich sehr eng mit Sitte verbunden, als etwas ganz Greifbares und Lebensnahes. Die deutsche Übersetzung hat das Wort jedoch auf ein Niveau gehoben, auf dem man diesen praktischen Aspekt nicht mehr nachvollziehen kann. Deshalb gehe ich auf die Wurzeln zurück. Wer weiss, dass Ethik «lebensgemäss» bedeutet wird von morgen bis abends seine Mitmenschen beobachten und sich fragen: Was ist der Mensch? Wie funktioniert das Leben? Wann bringt eine Wirtschaft Leistung hervor? Was ist wichtig? Was ist falsch? Was entspricht dem Leben?

Die Ethik wird also geprägt von einfachen Grundbedürfnissen, denn der Mensch will sich ernähren, kleiden, wohnen. Das sind banale Bedürfnisse, aber der Mensch ist so erschaffen. Danach muss sich das Wirtschaftssystem ausrichten.

 

Werden Sie konkret. — Ich spreche von einem hohen ethischen Gut: Die Selbstverantwortung. Wo Menschen für sich keine Verantwortung tragen oder tragen können, gehen sie zu Grunde. Wir dürfen ihm darum nicht die Verantwortung wegnehmen, dürfen ihm nicht per se helfen...

 

…aber «helfen» wird als ethisches Gut angesehen. — Ja, leider! Und unbesehen. Helfen kann bei einem völlig Hilflosen ja richtig sein. Aber sehr oft eben auch falsch und damit unethisch. Fordern ist dann ethischer als helfen, es bringt die Menschen weiter.

 

Sie sind also der Meinung, dass der Kapitalismus diesen ethischen Anforderungen am besten nachkommt? — Ja. Ich sage zwar nicht, dass er fehlerfrei ist oder, dass er das Paradies schafft, aber er hat in der Vergangenheit trotz aller Krisen und Rezessionen bewiesen, dass er am ehesten Wohlfahrt schafft.

 

Allerdings nur für einen kleinen Teil, Armut gibt es noch immer. — Kennen Sie ein Wirtschaftsmodell, wo das nicht so ist? Immerhin kann sich der Kapitalismus zugute halten, dass es weniger arme Menschen gibt als früher und in andern mir bekannten Systemen. Was bedeutet ausserdem schon «arm»? Wenn sie mit dem Existenzminimum operieren, wird es immer Armut geben. Wenn ich jedoch die Schweiz betrachte, sehe ich niemanden verhungern. Das ist doch eine Leistung!

 

Kommen wir zur Wirtschaftsethik zurück. Wie hätte eine Blocher’sche Ethikstunde an der HSG ausgeschaut? Wenn ich frei wäre, würde ich eine Vorlesung, zum Bespiel zu folgendem Thema halten: Was ist die ethische Bedeutung des Gewinnes im Unternehmen? Oder etwas provokativer: Warum ist Gewinnmaximierung ein hoch ethisches Prinzip?

 

Sind ihrer Meinung nach 25 Prozent Eigenkapitalrendite ethisch? — Das kann ich Ihnen nicht sagen, es muss jedenfalls nicht unethisch sein. Zudem ist die Eigenkapitalrendite eine falsche Grösse. Einer der nur einen Franken Eigenkapital hat, muss wohl 1000 Prozent Rendite haben! Die Grösse Reingewinn zum Umsatz ist da vielleicht schon besser.

 

Der emeritierter Professor für Wirtschaftsethik in St. Gallen, ehemaliger Nationalrat und Präsident der LdU, Franz Jäger, meint, alles was über zwölf Prozent Eigenkapitalrendite hinausgeht, ist unethisch. Ich mag Franz Jäger gut, aber ich wäre mit zwölf Prozent nie zufrieden gewesen! Wenn ich in guten Jahren nicht 20 Prozent habe – bei einer Eigenkapitalquote von etwa 50 Prozent –, werde ich die schlechten Jahre nicht überstehen. Aber über diese Zahlen rede ich eigentlich nicht. Für mich ist es dann ethisch, wenn der Gewinn als Massstab der Qualität des Unternehmens mit der Konkurrenz Schritt halten kann. Wenn die Konkurrenz 20 Prozent hat, will ich 22 Prozent haben.

 

Reduzieren sie die Definition der Wirtschaftsethik nicht einfach auf das Kapital? — Nein. Sehen Sie: Der Gewinn ist das Blut des Unternehmens. Wenn Sie keinen Gewinn machen, dann verreckt das Unternehmen und die Mitarbeiter werden arbeitslos. Finito. Diese Menschen sind verloren. Soll das ethisch sein? Ich muss als Unternehmer also Gewinn machen. Ich muss besser und anders sein als meine Konkurrenten.

 

Benötigen Wirtschaftsstudierende grössere Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Recht? — Wenn man sein Studium richtig angeht, wird man darum nicht herum kommen. Aber dazu braucht es keinen isolierten Lehrstuhl, der ausschliesslich über diese Beziehungen redet! Natürlich ist die Gefahr gross, dass die Ökonomen diese Beziehung ausklammern, weil es sehr mühsam ist oder, weil man das dem gesonderten Lehrstuhl überlässt. Schliesslich betrifft Ethik auch persönliche, individuelle Grundsätze und reicht auch ins religiöse Verständnis hinein. Es ist kein Zufall, dass Calvin als Schöpfer des Kapitalismus gilt. Letztendlich geht es aber immer um die Persönlichkeit der einzelnen Studierenden, wie sie mit den Systemen und Ideen umgehen.

 

Verstehe ich Ihre Bewerbung richtig, vermissen Sie solche Persönlichkeiten. Sie sehen die studentische Jugend in einer Notstandsituation, geprägt von Orientierungslosigkeit und Leere. Woran machen Sie diese fest? — Ich habe in der Diskussion mit Studierenden gemerkt, dass sie ausserordentlich orientierungslos sind in ihrem Fundament. Sie kennen zwar die Theorie, die sie gelernt haben, aber worauf sie gründet, verstehen sie nicht. Hier ist viel nachzuholen. Sie meistern dann das Leben besser. Nehmen wir diese Krise, wie Sie sagen. Was ist die Bedeutung einer Krise und warum muss es sie geben? Woher nehme ich die Zuversicht, dass es wieder aufwärts geht? Das ist bedeutungsvoll. Da geht es um Lebenszusammenhänge. Aber die Ethiker können das nicht erklären, die wissen ja nicht einmal, warum es eine Rezession gibt. Sie sagen nur, das ist menschliches Versagen. Das muss ja nicht falsch sein. Sie sprechen über die Gier von Managern. Sie gebärden sich als Moralisten. Moralismus ist aber das Gegenteil von Moral. Mit ihrer Theorie können sie die Welt nicht retten.

 

Waren die Studierenden in Ihrer akademischen Jugend in diesem Punkt anders? Die Professoren haben sich damals vielfach ausgezeichnet als starke Persönlichkeiten – mit einer ethischen Auffassung. Das hat uns geprägt. Aber leider ist das im heutigen Massenbetrieb nicht mehr möglich, weil Sie nicht mehr so nahen Kontakt mit den Professoren haben. Dennoch bin auch ich als Orientierungsloser in diese Gesellschaft geworfen worden.

 

Im deutschsprachigen Raum kam es kürzlich zu grossen bildungspolitischen Protesten. Entspricht das Ihrem Bild von einer orientierungslosen Jugend? Ich bin teilweise mit den Positionen der Protestierenden einverstanden, wenn diese sich um den Kern der Sache bemühen, und nicht um mehr Freizeit oder tiefere Studiengebühren oder Ähnliches. Wie sie halte ich die Bologna-Reform für eine sehr seelenlose Geschichte. Es ist ein geisttötendes System, welches von der Primitivität ausgeht, nämlich alle Länder mit den gleichen Abschlüssen und den gleichen Anforderungen mit den gleichen Punkten zu beglücken. Das ist kleinkariertes Systemdenken! Das Nivellieren und das Gleichschalten ist der Tod des Fortschrittes. Denn die Schlechten müssen nach oben und die Guten müssen nach unten. Was sie letztlich erhalten, ist blosser Durchschnitt.

Hinzu kommt noch ein ökonomische Aspekt: Wir werden zu einem mittelmässigen Hochschulsystem in der Schweiz! Früher hatten wir die weltbesten Hochschulen, weil wir keine Nivellierungen mitgemacht hatten. Nehmen Sie die ETH, an der mein Sohn studiert hat. Bereits vor Abschluss seines Studiums hatte er Angebote von amerikanischen Spitzenuniversitäten erhalten, um dort seinen Doktor zu machen, weil die Amerikaner sagten, die Schweizer ETH ist die beste Uni der Welt! Aber warum soll bei der jetzigen Nivellierung eine Schweizer Uni noch besonders hervorstechen? Und das alles nur, damit jeder das gleiche Diplömchen bekommt auf dem draufsteht Bachelor  oder Master und so weiter. Das ist unschweizerisch! Deshalb hab ich Sympathien für die Studenten.

 

Die Nivellierung des Studiums macht auch vor Fächern wie Germanistik oder Geschichte nicht halt. Wie sehen Sie denn das Verhältnis zwischen Geisteswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften? Es ist einfach ein anderes Studium. Aber wenn Sie beispielsweise Geschichte nehmen, dort sehe ich in der Form keinen grossen Unterschied zur Ökonomie. Sie müssen als Geschichtsstudent auch erst das Handwerkliche lernen. Was ist eigentlich passiert in den letzten 5000 Jahren? Wann hat welcher König gelebt? Und wie ist die liberale Revolution von 1848 gewesen? Das müssen Sie auch erst lernen, genauso wie die Ökonomen ihr Handwerk lernen müssen. Aber Sie sollten auch die Möglichkeit haben, und hier sind wir bei der Bologna-Kritik, etwas auszuufern, in andere Gebiete zu gehen, welche nicht in diesem festen Studienplan eingeschlossen sind. Dazu brauchen Sie Freiheit. Das Bologna-System mit den festen Stundenplänen gleicht jedoch eher einem Schulsystem als einem Universitätssystem.

Ich habe vor kurzem einen Fall erlebt, wo es um ein Praktikum eines Jus-Studenten ging. Da musste man dann erst klären, ob er schon einen Master-Abschluss hat oder erst einen Bachelor und, ob sein Praktikum für das Anwaltsexamen zählt oder nicht. Es kommt doch auf den Einzelnen an: Der Eine ist eben schon nach dem dritten Semester bereit für ein Praktikum, der Andere erst bei dem Abschluss seines Studiums. Das Leben ist einfach nicht einheitlich.

 

Wie frei ist für Sie die Bildung und wie gross der Einfluss der Wirtschaft? Beispielsweise ist der Unirat nicht mehr nur aus Professoren zusammengesetzt, sondern auch aus Wirtschaftsvertretern. — Das halte ich für legitim. Leute aus der Wirtschaft müssen mitentscheiden können. Sie wissen, wie die Wirtschaft funktioniert und auf welchem Gebiet Leute gebraucht werden oder wo geforscht werden muss. Wirtschaftsleute kennen das Leben und die beruflichen Bedürfnisse, also ist es auch legitim, dass sie ein Mitsprachrecht haben.

 

Muss Bildung für Sie immer einen wirtschaftlichen Nutzen haben? (zögert) Wissen Sie, wie oft ich Soziologen gesehen habe, die zwar etwas höher bezahlt wurden, aber eigentlich einen Sekretärinnenjob gemacht haben? Diese Entwicklung kann ja kaum das Ziel eines Studiums sein. Von daher ist eine Ausrichtung auf die späteren Bedürfnisse kein schlechter Ansatz. Aber dennoch, selbst wenn nicht jeder seinen Traumberuf ausüben kann, man sollte den Ausgleich finden zwischen dem, was einem am meisten Freude bereitet und dem, was später benötigt wird.

 

Welche Stellung haben die Studierenden in der Gesellschaft? — Sie müssen Ihren Platz in der Gesellschaft finden. Der Chemiker oder der Physiker – jeder hat auf seinem Gebiet seine eigene Stellung. Aber sie müssen tätig werden! Denn man muss sich seinen Platz in der Gesellschaft erarbeiten. Viele Wege führen nach Rom. Wichtig ist: Bringe dort eine gute Leistung, wo Dich das Leben hingestellt hat! Ein Karriereeinstieg kann immer gelingen! Wichtig ist dabei nur die Freiheit und Selbstverantwortung des Einzelnen.

Dein Kommentar:

Meine Informationen merken

CAPTCHA Bild zum Spamschutz  
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.