Die Reise ins Ungewisse

Alex (21) aus Paris hat vor allem versucht, den Augenblick zu geniessen. (Bild: Alexander Urban)

Janina (22) aus Frankfurt hat mit Schweizern in der Mensa kaum Kontakt geknüpft. (Bild: Alexander Urban)
Immer mehr Erasmus-Studierende tummeln sich in Zürich. Insider berichten vom bunten Treiben in den Wohnheimen, der allgemeinen Sprachverwirrung und ihren Erfahrungen mit uns Schweizern.
«Ich steige aus dem Zug und stehe schwer bepackt auf dem Bahnsteig. Ich bin in Zürich angekommen. Erasmus sei Dank!» Michaels erste Erinnerungen an Zürich liegen schon weit zurück: «Unverständliche Durchsagen mischen sich mit dem im Eiltempo vorgetragenen Sprachgewirr, welches mit der deutschen Sprache nur wenig gemein hat.» Michael (23) studierte als Erasmusstudent aus Deutschland vier Monate in Zürich.
Wie Michael ergeht es vielen Erasmiten. Am Anfang stehen eine Menge Fragen: Wie werden die Menschen sein, mit denen ich in den nächsten Monaten lebe, lache, chille, streite, lerne und Neues entdecke? Viel wichtiger noch: Wie werde ich selbst nach dieser Zeit wohl sein? Die Organisation der Universität? Die ersten Partys? Und komm ich überhaupt mit dem Geld klar? Alles unbeantwortete Fragen zu dem, was sich in Wirklichkeit hinter dem Programm verbergen mag. Anderen erging es sehr ähnlich wie Michael: «Die ersten Tage waren schwer für mich, da ich zuerst nur wenig Kontakt zu anderen Studierenden hatte», meint die Tschechin Maruška (24), eine der vielen Studentinnen, die sich in diesem Semester auf Erasmus in der Schweiz eingelassen haben.
Verhätschelte Erasmiten
Schwer kann die erste Zeit in vielerlei Hinsicht sein: Deutsch, Schweizerdeutsch, zu wenig oder auch zu viel sozialer Kontakt stellen Hindernisse dar und den gewohnten Lebensrhythmus allmählich auf den Kopf. Für viele Studierende ist es vor allem eine Zeit, in der eigene Kulturstandards auf die Probe gestellt werden müssen. Das fängt schon bei den Begrüssungsregeln an und endet nicht erst beim Flirtverhalten der Grenzgänger. Doch schon bald beginnt der Alltag, was nicht bedeutet, dass es langweilig wird. Alex (21), Student aus Frankreich, versteht diesen ersten Abschnitt als «Schwebezustand», in dem man nicht vor und nicht zurück kann, sondern bloss den Augenblick geniesst: «Es wird einem hier alles abgenommen, die Suche nach der Universität, die Finanzierung – falls nötig – und die Wohnsituation. Ich war überrascht, wie leicht das alles ging.» Es gäbe kaum einen einfacheren Weg ein neues Land zu bereisen und zu entdecken, als über das Erasmusprogramm, sagen viele ausländische Studierende begeistert.
In der Tat erfreut sich Erasmus grosser Beliebtheit. Besonders in Osteuropa steigt die Zahl der Austauschstudierenden. Etabliert hat sich das Programm in seiner über 20-jährigen Geschichte inzwischen in allen Ländern Europas, an neun von zehn aller europäischen Hochschulen existiert das Angebot. Allerdings sind darüber nur die wenigsten wirklich gut informiert: «Ich habe an der Universität nicht viel über das Programm erfahren und musste mir die meisten Informationen auf eigene Faust beschaffen», erinnert sich Michael. Genau das wäre aber auch ganz im Sinne von Erasmus von Rotterdam, dem ersten Weltbürger und Vorbild für das gleichnamige Programm, der sich ebenso auf sich selbst gestellt durch die Länder Europas schlagen musste.
Ein wenig Abenteuer schadet also nicht. Die grenzüberschreitende Erfahrung ist nicht nur mit einem blossen Ortswechsel, sondern auch mit einer Persönlichkeitserweiterung verbunden. «Mir war es wichtig, neue Leute kennen zu lernen, viel zu reisen und so mehr vom kulturellen Leben der Schweiz mitzubekommen», meint Maruška. Den Erasmusaufenthalt als Lebenslaufveredelung zu nutzen, tritt dabei bei vielen in den Hintergrund. Lukas (22) aus Deutschland sieht das ähnlich: «Arbeit ist das halbe Leben. Wenn überhaupt!» Denn den meisten geht es darum, soviel wie möglich von Land und Leuten zu sehen – und zu feiern. Daher hat auch Alex seinen Aufenthalt hauptsächlich ausserhalb der Vorlesungssäle geplant: «Das Reisen und die Schweiz mit all ihren Facetten ist das, was mich interessiert. Hauptsache die Zeit hier geniessen, spontan sein, viele Kontakte knüpfen. Bei so vielen ausländischen Studierenden hat man ja kaum eine andere Wahl.» Erfüllt werden diese Erwartungen aber nicht immer.
Reservierte Schweizer
Michaels Ernüchterung hielt auch an, als er an die Uni kam. Ein wenig hatte sich schon der von zuhause bekannte Alltagstrott eingestellt. Und das graue Gebäude der Universität empfing ihn mit derselben Gleichgültigkeit wie all die anderen Studierenden, die aus der Polybahn an ihm vorbei drängten.
«Mit Schweizern habe ich überhaupt keinen Kontakt», meint nicht nur Maruška. «Sie wirken eher reserviert und nicht offen für andere Leute», bestätigt Janina (22), eine Erasmus-Studentin aus Frankfurt. Die Gründe dafür sehen auch viele nicht-deutschsprachige Studierende im Fehlen einer gemeinsamen Sprache. «Gestern war ich in einem Radshop», berichtet Lukas frustriert «und habe kein Wort des Verkäufers verstanden, obwohl ich sicher dreimal nachgefragt habe. Schliesslich mussten wir uns dann mit Hilfe von Zeichensprache verständigen.» Umso grösser ist dafür der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe der internationalen Studierenden. «In meinem Studierendenheim habe ich eine Gruppe von Studierenden, mit denen ich viel unternehme. Hier kann ich mit Leuten reden, feiern, gemütlich die Abende verbringen, aber auch mein Deutsch verbessern. «Alles unter einem Dach!», erzählt Maruška, die Anfang September in das internationale Studierendenwohnheim in der Meierwiesenstrasse gezogen ist.
Wohnheim oder WG?
Verpflichtungen und Aufgaben verteilen sich in solch einer grossen Gruppe automatisch. Allerdings sind hier Konflikte durch die Internationalität der Studierenden immer wieder vorprogrammiert. Erasmiten sind eine heterogene Gruppe wie jede andere auch. Die One-Group-Idee der grenzüberschreitenden Studierenden ist nicht sonderlich realistisch. Auch im geeinten Europa bilden Sprache und Nationalität Trennlinien. So finden Deutsche und Österreicher sowie Spanier und Italiener scheinbar wie selbstverständlich zusammen. Ungleich schwerer ist es, aus den anfänglichen, flüchtigen Bekanntschaften, engere Freundschaften zu schliessen. «Am Anfang ist es sehr einfach, Kontakte zu knüpfen. Aber der Sprung zu ernsteren Gesprächsthemen ist schwierig und es bleibt oft nur Smalltalk», berichtet Lukas aus dem Alltag im Studierendenheim. Anders ist die Situation für Janina, die in Zürich in einer WG wohnt: «Ich komme nicht so oft in Kontakt mit anderen ausländischen Studierenden, wie es vielleicht in einem Wohnheim der Fall ist. Trotzdem versuche ich so offen wie möglich zu sein, um möglichst viele Freundschaften zu schliessen und diese auch zu vertiefen.»
Welche Wohnform schliesslich mehr Vorteile und Freundschaften bringt, entscheiden die ausländischen Studierenden letztlich für sich selbst. Die Wahl zwischen WG und Wohnheim wird vielen schon durch den akuten Platzmangel in Zürich abgenommen. Erst einmal eingezogen, vergehen die ersten paar Wochen wie im Flug. Und es bleibt nur noch wenig Zeit, um das Bild von seinem Gastland zu vervollständigen und sich klar zu machen, welche Erfahrungen man denn von diesen paar Monaten mitnehmen kann. Welche Geschichten werden erzählt, wenn man wieder in der heimischen Runde sitzt und an das Wohnheim, an die Universität und das Leben ausserhalb des Campus zurückdenkt? Wie wichtig ist Mobilität und was macht das Programm alles möglich? Es geht darum, den Mythos Erasmus auch an der heimischen Universität aufrecht zu erhalten und anderen Studierenden schmackhaft zu machen. Im Fall der Schweiz scheint es vor allem die Atmosphäre Zürichs zu sein, die den Aufenthalt hier einzigartig und empfehlenswert macht. «Mensch, ist Zürich schön. Die ganze Stadt ist ein einziges Museum, die kunterbunten Abende im Amüsierviertel, diese kleinen Gassen für einen nächtlichen Spaziergang», schwärmt Janina.
Begegnung zwischen Kulturen
Der Mythos entsteht in jeder einzelnen Geschichte, die man mit sich herumträgt und mit den anderen Austauschstudierenden teilen kann. «Dieses Gefühl verstärkt sich, da sich die einzelnen Akteure an unterschiedlichen symbolischen Codes orientieren, mit denen man sich in der interkulturellen Kommunikation zwangsläufig auseinandersetzen muss», sagt Michael. Für ihn ist klar: «Misskommunikation ist da vorprogrammiert.» Ein Austausch heisst nämlich nicht nur, geografische Distanzen überwinden. Das «Eintauchen» in fremde Kulturen gehöre ebenso zu den Pflichtwerkzeugen des Erasmiten wie etwa das eigenverantwortliche Arbeiten, das eigene Zeitmanagement oder die Lust am Teilhaben. Diese Form des Austausches ist ab dem Zeitpunkt der Entscheidung, ins Ausland gehen zu wollen, einmalig, zufällig. Das Erasmus-Programm setzt vor allem auch auf Unterhaltung, welche die Studierenden dankbar annehmen. In Zürich sorgt dafür das Programm «International Exchange Erasmus Student Network» (ESN), das den Austauschstudierenden die Schweiz mit Reisen nach Luzern und Skitouren in Davos näherbringen möchte. «Diese Trips sind toll, gut organisiert und auch relativ billig», meint Janina. Einmal in der Woche veranstaltet das ESN auch das «International Pulp», welches jedes Mal in einem anderen Zürcher Lokal stattfindet und sich durch die verbilligten Bierpreise (meistens vier Franken) bei den Erasmus-Studierenden ebenfalls grosser Beliebtheit erfreut. Feiern allein ist aber bei nicht der einzige Grund, der die Studierenden am Erasmus-Programm reizt. «Gute Erfahrungen, Freundschaften, Liebe und Phantasie passen zwar in keinen Lebenslauf, sind mir aber auch mindestens so wichtig wie Noten und Zeugnisse», sagt Alex, der bereits mehrere Erfahrungen im Austausch machen durfte und sich selbst als Reisenden sieht. Eine richtige Beziehung einzugehen statt bloss einen Seitensprung zu wagen also?
Ein Rucksack an Erfahrungen
Die Gründe dafür, dass sich Michael für ein Erasmussemester entschieden hatte, waren vielfältig und beschränkten sich nicht allein darauf Party zu machen und den Namen einer guten Universität im Lebenslauf vermerkt zu bekommen. Andere möchten da gar nicht an das drohende Ende denken: «Ich habe hier sehr viele nette Leute kennen gelernt, der Abschied wird mir da wohl sehr schwer fallen», fürchtet beispielsweise Maruška. «Zwar möchte ich mit so vielen wie möglich in Kontakt bleiben, doch durch die grosse Distanz fürchte ich, dass ich viele sehr schnell aus den Augen verlieren werde.»
Die vier Monate, welche Michael in Zürich verbrachte, waren kurz. Ehe er sich versah, stand er auch schon wieder schwer bepackt am Bahnsteig. Zusätzlich hatte er diesmal auch noch einen ganzen Rucksack an neuen Erfahrungen geschultert. Der Schritt in den Zug fiel ihm da umso schwerer. Wie er so auf die Stadt zurückblickte, wusste er, dass er ein Erlebnis hinter sich hatte, das ihn bis heute nicht losgelassen hat.
