Letztens hatten wir wieder einen Männerabend, sprich Bier trinken und in unseren Frauen versinken. Dieses Mal fiel auf das Ende der ersten Monatsfrist einer neuen Beziehung. Zur Erklärung: In den ersten vier Wochen sind beide noch vollgepumpt mit Oxytocin, sprich grauenhaft verliebt. Wenn dieser Spiegel jedoch zu sinken beginnt, offenbaren sich die Eigenheiten, welche Mann zuvor noch wunderbar ausblenden konnte. Ein Phänomen also, welches mit der Wiederentdeckung der Realität bei einem Junkie auf Entzug vergleichbar ist. Und genau so einen Suchtfall hatten wir in unserer Mitte.
Ein Protokoll:
Er zündet sich eine Zigarette an.
Er: «Sie cha eifach nöd ufhöre schwätze! Kei Sekunde Ruhe verdammti Sch…eisse.»
Anderer Er: «Scho?!» (Heisst: Hätte ich dir auch sagen können.)
Er: «Ja, voll. Weisch am Afang ischs ja no easy gsi, aber jetzt quatscht si scho nachem Sex! Ich bruche mini postkoitale Ruhe! Ich han ja eigentli welle ufhöre, aber jetzt mues i immer nachher e Zigi go rauche zum mini Ruhe ha.»
Er zieht an seiner Zigarette.
Anderer Er: «Voll hardcore» (Heisst: Too much information.)
Er: «Weisch was isch voll hardcore? Sie blast mit de Zäh. Das isch verfluchti Lippearbet!»
Anderer Er: «Voll hardcore» (Heisst: Too much information.)
Er: «Aber weisch was stresst mi am meisste?»
Er drückt seine Zigarette aus.
Anderer Er: «Nei?» (Heisst: Ob ich das nun will oder nicht, du erzählst es mir ohnehin.)
Er: «Dass mer das alles scheissegal isch, wenni mit ihre zäme bin!»
Anderer Er: «Das isch wükli voll hardcore!» (Heisst: Wenn ich nicht wüsste, dass wir er gerade von einer Frau gesprochen hat, würde ich glauben, ich hätte einen rückfälligen Junkie vor mir.)
«Ich verstehe überhaupt nicht, wieso du Lady Gaga hörst. Ihre Texte sind doch voll doof», so der eine weibliche Teenie zum anderen. Die Angesprochene, etwas verlegen, rettet die Anerkennung ihres Musikgeschmacks mit dem Verweis auf die musikalische statt poetische Qualität dieser Musik. Ihre Verlegenheit beweist zugleich ihre Ahnungslosigkeit. – Drei Beispiele «schlechter» Songtexte:
«It's not the things you do that tease / and hurt me bad but it's the way / you do the things you do to me / I'm not the kind of girl / who gives up just like that / The tide is high but I'm holding on / I'm gonna be your number one.» (Atomic Kitten, 2003) – Ohne Worte.
«Pumped with fluid, inside your brain / Pressure in your skull begins pushing through your eyes / Burning flesh, drips away / Test of heat burns your skin, your mind starts to boil.» (Slayer, 1986) – das soll wohl krass wirken. Trotz hartem Thema – immerhin geht es um den Holocaust – irgendwie lächerlich.
«I'll share this love I find with everyone / We'll sing and dance to Mother Nature's songs.» (Jack Johnson, 2006) – Dass wir auch in diesem Jahrtausend noch derart lächerliche Hippie-Floskeln lesen müssen, und das von einem Typen, dessen weitausschweifendste Drogenerfahrung wohl die feierabendliche Dose amerikanisches Bier an einem hawaiianischen Strand war, ist schlicht befremdend.
Für medientheoretische Ergüsse bleibt kein Platz. Doch gibt es doch so etwas wie eine Einheit aus Musikern und ihren Anhängern: Kitten-Fans können sich, die süssliche Melodie im Ohr, in Gedanken an eine unerreichte Liebe wohl eine Träne nicht verdrücken. Zu Met und schwarzen Särgen muss über schneidend-aggressive Gitarren Blut fliessen und Gott verteufelt werden. Und wenn einige grünliberal eingestellte Mittelstands-Teenies, die ihre Gitarre bis zu fünf Akkorden beherrschen, am Zürichsee sitzen und Selbstangebautes rauchen, ist gar die Lächerlichkeit von Jack Johnsons Posthippiegesäusel am rechten Fleck.
Wir leben im Zeitalter des Bullshit. Den Bullshit finden wir auf Facebook, bei Sven Epiney und bei SF Börse. Aber nirgendwo wird uns wunderbarer Bullshit in solch konzentrierter Form präsentiert wie in der, wie nennt man das wohl, Dauerquizsendung? Vom Layout über die Quizfrage bis hin zum Signalton, wenn (das kommt manchmal vor) jemand anruft, alles herrlicher Bullshit. Ich würde mich natürlich nie erdreisten, auch die Moderatorin irgendwie einzuteilen, doch zumindest scheinen die eben geschilderten Umstände sie vortrefflichen Bullshit labern zu lassen, um so etwas wie Spannung zu erzeugen. Ja, ich stelle mir jeweils das Studio vor, wie die Quizmasterin auf ihrem Sessel sitzt, stundenlang, rundherum dieses Tröten und immer wieder der Countdown, «prä...prä...prä...», und daneben gähnende Öde, die schläfrige, absolute Belanglosigkeit. Wahrscheinlich sitzt, vielleicht liegt halb in seinem Stuhl im Nebenraum ein Assistent, der dauernd einnickt, wenn er nicht gerade Kaffee in sich reinschüttet. Auch die Moderatorin kann, wenn man bei dem Bild oben genau hinschaut, die Augenlider nur mit Mühe geöffnet halten. Das linke hält sie hoch, als würde sie es nächstens mit einem Zündhölzli stützen müssen. Mir geht es wie wahrscheinlich vielen, wenn sie auf eine solche Sendung draufzappen, ich bleibe drauf. Ich studiere an der Frage rum, und dann schaue ich die lustigen, hässlichen Kasten ganz genau an, wo z. B. drinsteht «sofort anrufen!», womöglich um zu implizieren «sonst stirbst du an Langeweile!» Mir geht es wie vielleicht anderen, wenn sie in so eine Sendung reinzappen, ich geniesse, nein, ich sauge diese unendliche Leere auf und döse halb ein.
Letzens sassen wir wieder zusammen, wir, die Jungs, die sich schon Ewigkeiten kennen und schon viele erste Male hinter uns gebracht haben. Es stand wieder ein erstes Mal an für eine neue Frau in unseren Reihen. Sie ist die Freundin von einem der Unseren. Ihre offizielle Einführung in unsere Welt fand nach einem Pubquiz statt. Ein Pubquiz heisst Bier und Quiz, das
«Wer wird Millionär?
» der Betrunkenen. Diese Mischung von Hirnaktivität und Alkohol führt unweigerlich zu Diskussionen. Und als er mit ihr kam, war eben eine solche im heftigen Gange. Das Thema war der flotte Dreier. Wenn nur Männer dieses Thema besprechen, ist die Zusammensetzung aus zwei Frauen und einem Selbst kein Thema. Doch sobald Frauen anwesend sind, verliert diese männliche Überpotenzvorstellung. Dann beginnt The Clash of the Sexes.
Sie: «Find ich nöd geil.»
Er: «Ich scho.»
Sie: «Scho? Und wenns zwei Manne wäred?»
Er: «Gahts no! Da stocheret nume eine.»
Alle grinsen.
Sie: «Ebe!»
Er grinst nicht mehr.
Er: «Wärum ebe?»
Sie: «Du hetsch au nöd gern en zweite Maa im Bett!»
Er: «Aber e Frau isch öpis anders! Frau sind e es bitzeli bi.»
Sie: «Und Männer nöd?»
Er: «Ja!»
Wieder grinsen. Er nippt am Guiness. Zwei Sekunden Bedenkzeit. Zum Glück Zeit genug für die Rückkehr der Vernunft.
Er: «Ich verstah dich scho, Schatz. Mir chöndet ja Mal beides versueche?»
Sie: «Spinnsch! Ich wet dich nöd teile.»
Er: «Dito.»
Kuss.
Der Rest von uns schwieg. Sie hatte sich gut geschlagen. Hegel wäre stolz auf sie. Denn durch sie haben wir wieder eine neue Wahrheit gefunden.
Mann muss, wenn er wahrhaftig liebt, auch bereit sein für einen flotten Dreier auch die Schwerter zu kreuzen.
Einfach fantastisch! Du sitzt in deinem weichen Sessel, etwas zurückgelehnt und bist wie alle um dich herum gegen die gleiche Wand vor dir gerichtet, wo sich ein noch nie zuvor gesehenes Spektakel abspielt. Die fremdartigen blauen Wesen treten aus der Leinwand heraus auf dich zu, scheinen in deinen Lebensraum hineindrängen zu wollen.
So würde er wohl klingen, ein etwas literarisch-persönlichkeitserfahrungsmässiger Werbetext fürs Neuste vom Neusten, was das Kino zu bieten hat: 3D-Kino! – Mr. Titanic James Cameron ist natürlich an vorderster Front mit dabei und weidet das finanzielle Potential des scheinbaren Genie-Streichs aus, so wie ein Geier sein Aas. Wenn Cameron draufsteht, ist Mainstream drin. Bei Titanic war das ja alles noch ok, wenn die kinematographischen Erscheinungen da waren, wo sie hingehören, auf der Leinwand. Dort sind sie eigentlich immer noch, doch sie tun so, als seien sie auch sonstwo.
Wenn auch nicht die breite Masse, dann sind doch auf jeden Fall die Oskar-Menschen auf meiner Seite, die Avatar zurecht nicht mit einem Preis belohnt haben – und das könnte ich, obwohl ich es tue, eigentlich nicht beurteilen, denn ich habe den Film nicht gesehen. Doch eigentlich brauche ich das auch gar nicht, man kann sich das Zeugs ja vorstellen.
Die einen sagen: «Das ist wie mit der Farbe oder dem Ton. Da waren zuerst auch alle skeptisch und dann...» – Falsch, falsch, falsch! Farbe und Ton hat man mit Freude ins Repertoire der filmischen Mittel aufgenommen. 3D ist mehr so wie geheizte Kinosessel: Zwar irgendwie neuartig, doch nicht neu.
Nur noch eines könnte mich umstimmen: 3D-Pornos! Ich schreibe dann darüber, wenn ihr den Scheiss erfunden habt.
Wir leben im Zeitalter des Bullshit. Der Bullshit erreicht uns über Media Markt, Glanz&Gloria und Simon Ammanns Brille. Dieses Mal bleiben wir beim kapitalistischen Bullshit. Lange haben wir uns alle gefragt, wie das ominöse Koffein-Shampoo die Haarwachstumsphasen verlängert. Dann kam dieser Wissenschaftler und hat es uns endlich erklärt! Mit dieser Grafik! Danke, da ging uns gleich allen ein Licht auf!
Im Ernst, scheint der gute Mann da in eine Bullshit-Werbung geraten zu sein, die haben ihn richtiggehend bullshitisiert. Eigentlich war er gerade bei der Arbeit und hat eine Kurve hin und hergeschoben, da kam dieses Kamerateam und fragte ihn nach der Wirkung des Shampoos. Der arme Forscher – oder ist er gar ein Schauspieler? Keine Ahnung. Dummerweise kommt mir das bekannt vor. Ich bin Promoter für Drucker. Ich bin also gewissermassen die Inkorporation des Bullshit. Ich mache Upselling, verkaufe halbgefüllte Tintenpatronen und lächle spiegelerprobt, wie ein grinsender Kaugummi. Deshalb muss ich den zweiten Satz oben ergänzen: Der Bullshit erreicht uns auch über mich. Mehr Bullshit im nächsten Heft.
Facebook ist uncool, sagen die einen. Es sei irgendwie 2009 und sie treten nicht bei, weil sie das, was die anderen als Neuheit feiern, schon längst überwunden zu haben glauben. Diese Leute feiern ihren Indifferentismus und liegen dabei natürlich falsch! Dafür gibt es Gründe:
«I hate that little triangle that the windshield wipers don’t wash» (351’916 Fans), «for those who have experienced the pain caused by stepping on lego!» (529’336 Fans), «Pushing those little buttons on the lids of fast food drinks» (662’509 Fans). Massen von Menschen bekennen sich per Klick zu schier unglaublichen Belanglos-, ja Nichtigkeiten; und genau das ist eine grosse Sache! Klar greift ihr Bekenntnis nicht sehr, doch es muss da einen Moment geben, in dem man sich in einer dieser Beobachtungen nichtigen Charakters verstanden fühlt.
Zum Bekenntnis wird auf Facebook jeder gezwungen; dazu, sich – egal wie reflektiert dies geschieht – eine Identität zu erschaffen. Andere treten eher Gruppen wie «Friedrich Nietzsche» oder «FC Zürich» bei, sie wollen zu etwas Grossem gehören – wie auch die vielen Männer, die sich mit einer Bierdose abbilden, als wollten sie die verzweifelte Aussage machen «Ich trinke Bier, ich bin cool!» Andere wiederum gehören nicht dazu, weil sie es nicht nötig hätten, wie sie sagen.
Doch wie jämmerlich sie alle auch sein mögen, es gibt solche, die sie an Jämmerlichkeit noch übertreffen. «Bist du auch dabei?», fragt man einen derselben. «Ja, ich bin schon dabei, doch eigentlich finde ich es ja doof. Ich schaue halt nur selten rein.» Blanke Unredlichkeit, sonst nichts! Choose your identity and play your role, so funktioniert Gesellschaft! Als erstes empfehle ich die Gruppe mit dem Titel «Ich liebe Facebook über alles»!
Wir leben im Zeitalter des Bullshit. Der Bullshit findet den Weg zu uns über Blick am Abend, Ewigi Liebi und scheinbar auch via BWL. Aber das war uns ja schon lange allen klar. Vor kurzem jedoch las ich in einem gelben Prospekt, dass man CD-Rohlinge für fünf Franken kriegt. Das ist eine Seltenheit. Ein Fehler? Ein Statement gegen die profitgeile Gesellschaft? – In erster Linie eine Sauerei! Die sollen gefälligst 4.95 kosten, man bringt uns um unser Geld! Im Ernst scheint das Zeitalter des Bullshit davon auszugehen, dass wir, die Konsumenten, sehr dumm sind. Das zeigt auch das Beispiel der Kaffeemaschinenbranche. Unsere Kaffeemaschinen sind schnell und einfach, nur die Kapsel rein, Knopf drücken. Gut so, denn wir sind ja dumm und gestresst.
Nein, Freunde, das macht keinen Spass so. What else? Ich sage euch, what else: Wenn wir uns zuhause einen Kaffee machen, haben wir Pause, wir haben Zeit, und wir geben das Pulver ein, zum Beispiel bei der grossartigen, schraubbaren Bialetti.
Neues aus dem Zeitalter des Bullshit in der nächste Ausgabe.