Kalter Wind weht mir um die Ohren. Ich hätte doch einen Schal mitnehmen sollen. Jetzt stapfe ich im Irchelpark mit meinen Turnschuhen durch den Schlamm und fluche, weil ich die ersten Anzeichen für den einkehrenden Winter nicht erkannt hatte. Wie etwa die weihnachtlich eingerichteten Geschäfte oder die Verunstaltung der ETH wegen des Polyballs. Nicht einmal bei der Weihnachtsbeleuchtung war mir ein Licht aufgegangen. Und jetzt wird mir auch noch ein Flyer entgegengehalten. «Gott weiss und sieht alles» steht drauf. Soso...
Blind vor Wut stapfe ich weiter. In der Cafeteria angekommen, nehme ich mir einen Kaffe, der meine trüben Gedanken etwas aufhellen – oder erleuchten– soll? Schliesslich trifft auch mein Auftraggeber ein. Ein junger Akademiker, der es auf der Karriereleiter weit gebracht hat, bis zum Oberassistenten. «Sie müssen uns helfen, wir vermissen ein Versuchskaninchen.» – «Vielleicht ist es ja jetzt besser dran?» – «Sie verstehen nicht. Bei der Versuchsperson handelt es sich um einen Studenten. Wir haben ihm eine beträchtliche Dosis an Medikamenten verpasst. Er kam auf einen üblen Trip. Lieber nackt als im Pelz, soll er noch gerufen haben, nachdem meine Assistentin ihn daran erinnert hatte, dass er ein Versuchskaninchen sei. Hat sich die Kleider vom Leib gerissen und ist verschwunden.»
Ich brauche noch ein bisschen Weihnachtsgeld, also übernehme ich den Fall. Ein Kaninchen fängt man wohl am besten mit einem Köder. Deshalb kaufe ich mir zum ersten Mal im Leben ein vegetarisches Mensamenü und gehe damit auf die Pirsch. Während ich so mit dem Kaninchenfutter in der Hand am blöd grinsenden Flyer-Verteiler vorbei gehe und über die Situationskomik nachdenke, komme ich mir ein bisschen vor wie im Wunderland. Leider scheint das Menü nicht appetitlich genug. Also versuche ich es einmal mit umgekehrter Psychologie und mache rein gar nichts. Mit Erfolg, denn plötzlich schreit der Flyer-Typ neben mir vor Schreck auf. Tja, das hat er wohl nicht kommen sehen.
Es ist Herbst. Zürich ist weniger grün (nicht politisch gemeint) und die Tage werden kürzer. Der Bürokrat entgegnet, der Tag habe weiterhin 24 Stunden. Deshalb auch die Bologna-konformen Präsenzzeiten. Auf jeden Fall werden die Nächte aber länger.
Paradoxerweise kommen die Studierenden trotzdem nicht zu mehr Schlaf. Durch die Evolution sind die meisten Studierenden nachtaktiv.
Auch ich reibe mir noch den Schlaf aus den Augen, da reibe ich auch schon aus Verwunderung. Denn vor mir steht tatsächlich ein Klient und erklärt mir: «Ich mache mir grosse Sorgen. Seit den ersten Wochen des Semesters sind zahlreiche Studierende spurlos verschwunden. Statistiken zeigen eine klare Korrelation zwischen der Studierendenzahl und Halloween. Ich vermute, da ist ein gruseliges Experiment misslungen und die Studierenden werden jetzt von einem schwarzen Loch aufgesogen.»
Er fordert mich auf, am Abend an der ETH nach dem Rechten zu sehen. Dafür gewährt er mir einen Vorschuss. Mir solls recht sein. Das einzige Loch, um das ich mir Sorgen mache, ist das Loch in meiner Geldbörse.
Zwar ist die ETH bereits tagsüber gruselig, schon allein wegen den ASVZ-Foltermaschinen, dem Mensaaufpreis und dem Kantönligeist. Trotzdem nehme ich all meinen Mut zusammen und streife abends durch die verlassenen Gänge. Dass das Anschauungsmaterial der Mediziner im Irchel untergebracht ist, beruhigt mich wenig.
Denn die ETH hat bestimmt ihre eigenen Leichen im Keller. Die Dunkelheit regt meine Fantasie an. Ich befürchte, jederzeit von hungrigen Monstern angegriffen zu werden. Dann merke ich aber, dass einzig die Legi-Validierungsautomaten gefrässig wirken. Mit dem Campus-Girls-Kalender, den ich zufälligerweise dabei habe, lassen sie sich aber nicht füttern. Ist wohl zu geschmacklos. Auch den Flyer für die Halloween-Party verschmähen sie.
Und genau da liegt letztlich wohl auch der wahre Grund für die Abwesenheit der Studenten. Nicht bei den hungrigen Maschinen, sondern vielmehr beim Kausalzusammenhang zwischen Party und Absenz.
Die heisse Phase an der Uni ist vorbei. Die letzten Prüfungen sind durch. Die sommerlichen Temperaturen sorgten für rauchende Köpfe und durchgebrannte Sicherungen. Auf der Polyterrasse floss Schweiss und Bier in Strömen.
Für einmal schwamm ich nicht gegen den Strom und genoss im bQm eine Stange. Bier natürlich, eine Stange Geld hatte ich schon länger nicht mehr zu Gesicht bekommen. Deshalb wurde nichts aus schönen Ferien. Mir blieb nur übrig, mit dem 7er-Tram zwischen Milchbuck und Schwamendingen hin und her zu fahren und mir dabei vorzustellen, ich befände mich gerade in der Pariser Metro. Spätestens wenn sich jemand über die Unpünktlichkeit beschwerte («Das sind doch Abfahrtszeiten und keine Ankunftszeiten! Damminomal!» ) war ich wieder auf dem Boden der Realität.
Jetzt geniesse ich aber die Ruhe. Bald beginnt nämlich das neue Studienjahr. Das neue Frischfleisch wird in den nächsten Wochen für volle Mensen und Vorlesungssäle sorgen. Ich gönne mir noch einen grossen Schluck Bier, bevor mich gebrochenes Deutsch unterbricht. Eine Austauschstudentin steht vor mir. Und ich wünschte mir, ich hätte das Sprachenzentrum ein bisschen reger genutzt.
«Ich brauche Beschattung.»
«Da bist du bei mir genau richtig. Ich hab die beste Spürnase des ganzen Campus. Sieht man einmal von den Versuchstieren im Labor ab. Aber das sind ja alles nur arme Schweine. Wen soll ich denn für dich beschatten?»
«Na mich. Fürs Lernen sollst du mir ein bisschen Schatten spenden.»
«Ich spende nicht. Ich bin selber spendenbedürftig. Ausserdem hast du da wohl etwas falsch verstanden.»
Ihr finanzielles Angebot, das jeden Betrag, den ich in letzter Zeit in Händen hielt, mühelos in den Schatten stellt, überredet mich, über den meinigen zu springen. Ich zeige mich von meiner besten (Schatten-)Seite und lade sie am Ende gar noch zu mir nach Hause ein. Doch an dieser Form von kulturellem Austausch scheint ihr nicht gelegen. So fahre ich halt immer noch alleine Tram.
Stressige Wochen liegen hinter mir. Ich musste mir zahlreiche Fälle von grausam verstümmelten und ermordeten Osterhasen um die Ohren schlagen.
Danach war es dringend an der Zeit, mich um einen schwerwiegenderen Fall zu kümmern. Nämlich um den Verlust von überflüssigen Pfunden (ein Phraseologismus übrigens, der sich trotz metrischem System recht hartnäckig hält). Meine Ermittlungen führten mich direkt zur Polyterrasse.
Vor mir drehte sich erst mal alles. Das lag nicht daran, dass ich im bQm einen zu viel gekippt hätte. Nein, vor mir drehten sich hunderte von Studierenden im Kreis. Um Genaueres über dieses seltsame Ritual namens «Kondi» zu erfahren, blieb mir nichts anderes übrig, als selber mitzumachen. Verdeckt, versteht sich. Ziel war, möglichst unauffällig zu bleiben. Sollte ja nicht zu schwierig sein, dachte ich. Dass einer rumhampelt und Befehle erteilt, kennt man ja schliesslich aus dem Militär.
Als Mann und dazu noch mit etlichen koordinativen Schwierigkeiten fiel ich dann doch auf. Nicht einmal beim Marschieren konnte ich auftrumpfen. Mit dem Gehorsam meiner Beine war es wenig später auch vorbei. Ich passte so gut ins Kondi wie Kryptonit zu Superman. Also entschied ich mich, meine Fähigkeiten anderweitig einzusetzen und half einer hübschen Studentin. Ich fand zwar nicht den Schlüssel zu ihrem Herzen, aber doch immerhin den zu ihrem Kästchen wieder. Nach der Trainingseinheit nahm ich mir sofort den Drillsergeant vor. Dieser bot mir auch gleich eines seiner Energiegetränke an. 100 Prozent reine Fruchtsäfte, kein Konzentrat. Ich sah nur die Aufschrift «shake well» und dachte mir, das hat er wohl etwas zu ernst genommen. Natürlich lehnte ich ab. Bei dem Ganzen war ja sowieso Hopfen und Malz verloren. Leider konnte er mir auch nicht verraten, wie er es schafft, die Frauen in x-beliebige Stellungen zu bringen.
Meine Pfunde habe ich übrigens wenige Tage später wiedergefunden. Ein zum Schnäppchen degradierter Osterhase musste dafür sein Leben lassen.
Draussen regnete es in Strömen. Nur meine Kehle war noch trocken. Nicht besonders ungewöhnlich, bedenkt man die Flaute in meinem Portemonnaie und die normalen Klimaverhältnisse zu dieser Jahreszeit. Viel ungewöhnlicher war, dass ausgerechnet heute eine hübsche Studentin mein Büro betrat.
«Ich brauche ihre Hilfe.» – «Was kann ich für Sie tun?» – «Kennen Sie sich aus in universitären Belangen?»
Ich hatte vor kurzem ein Studium angefangen. Doch der Leistungsdruck trieb mich unausweichlich in den Alkoholismus. Deshalb musste ich meine Leidenschaft erst einmal «on the rocks» stellen.
«Ist verdammt lange her, dass ich mich an der Universität habe blicken lassen. Einmal musste ich einen vermissten Erstsemestrigen ausfindig machen. Ich fand den armen Kerl schliesslich ganz ausgehungert in den Katakomben der ETH. Er hatte sich partout geweigert, nach dem Weg zum Vorlesungssaal zu fragen.»
«Typisch Mann. Aber ich habe ein weitaus wichtigeres Problem. Suchen Sie mir ein Thema zu einer Lizenziatsarbeit.»
«Sie sind wohl keine gläubige Bolognareformistin? Geben sie mir doch eine kurze Beschreibung ab.»
Es folgte eine weitere Demonstration, dass sich Studierende selten in knapper Form mitteilen können. Der Vortrag endete mit: «Übrigens, gibt es Studentenrabatt?»
«Sorry Lady, es gibt nicht einmal Studentinnenrabatt!»
Ich nahm den Fall an. Schliesslich stecken wir in einer Krise, da nimmt man jede Arbeit dankbar an. Vor allem wenn etwas Liquides oder ein Bonus dabei heraus schaut. Doch wo finde ich ein Thema? Ich nutzte meine Kontakte, doch die skrupellose Kreditpunkte-Mafia hatte nur Plagiate im Angebot. Auch im Lichthof ging mir kein Licht auf. Und das Rauchverbot veranlasste mich, meine Recherchen anderorts weiterzuführen. Kaum hatte ich mir meine Zigarette angezündet, stand ich auch schon fünf mittellosen Studenten gegenüber. Für jede Zigarette knöpfte ich ihnen ein Thema ab. Tja, die freie Marktwirtschaft lebt eben doch!